Politik : Atomstrom für den Aufschwung

In der Nähe von Peking bauen Wissenschaftler einen schnellen Brüter – dafür brauchen sie die Hanauer Fabrik

Harald Maass[Peking]

Spitzentechnologie würde man hier nicht vermuten. Am Eingang der Baustelle stehen die rostigen Fahrräder der Arbeiter. Geröll und Müll liegen herum. Doch der hausgroße Betonblock auf einem schwer bewachten Forschungsgelände südlich von Peking soll einmal Chinas Energieversorgung sichern. „Mit unserer Arbeit und unserem Wissen bauen wir hier einen schnellen Brüter“, heißt es auf einem roten Schriftbanner. Das hier geplante Forschungskraftwerk ist auch der Grund, warum China die Hanauer Atomfabrik kaufen will.

„Wir sind mit dem Bau etwas im Verzug“, sagt Chefingenieur Xu Mi. Ursprünglich sollte der 65-Megawatt-Forschungsreaktor kommendes Jahr in Betrieb gehen. Wegen technischer Probleme wurde der Start auf 2007 verschoben. „Die Schnelle-Brüter-Technik ist sehr diffizil“, sagt Xu. Der 66-Jährige, der zu den führenden Atomwissenschaftlern Chinas gehört, muss es wissen. Seit vier Jahrzehnten arbeitet er hier am Chinesischen Institut für Atomenergie (CIAE) an der Entwicklung der Technik. Der Forschungsreaktor wird der erste schnelle Brüter Chinas.

Das CIAE, auf dessen Gelände der Reaktor entsteht, ist eine verschwiegene Einrichtung. Seit 1952 forschen hier Chinas beste Atomphysiker, derzeit sind hier 3200 Menschen beschäftigt. Zutritt hatten allenfalls die sozialistischen Bruderländer. Soldaten bewachen das Gelände. Nachdem in Deutschland die Kritik an dem Export der Hanauer Anlage nach China immer lauter wurde, zeigte sich Peking offener. Erstmals durfte ein deutscher Reporter die Reaktor-Baustelle besuchen.

„Unser Land braucht eine Mox-Fabrik für die schnellen Brüter“, erklärt Xu. Um den Wirtschaftsboom nicht abbrechen zu lassen, wird China nach Schätzung der CIAE bis Mitte dieses Jahrhunderts seine Stromproduktion auf 1200 Gigawatt vervierfachen müssen. Mit Kohle und anderen fossilen Energieträgern sowie Wasserkraft sei der Bedarf nicht zu decken, glaubt Xu. Doch auch der Ausbau normaler Druckwasserreaktoren sei für China begrenzt. „Das größte Problem ist der Brennstoff“, sagt Xu. In einigen Jahrzehnten seien die weltweiten Uranvorräte aufgebraucht. Die Lösung sehen die Forscher des CIAE in der Schnellen-Brüter-Technologie – dafür brauchen sie die Hanauer Fabrik. Die darin hergestellten Mox-Brennstäbe sollen in dem Forschungsreaktor erstmals verwendet werden. Mox sind Mischoxid-Brennelemente aus Uran und Plutonium, die mit viel weniger natürlichem Uran hergestellt werden können als normale Brennstäbe. Plutonium, das in normalen Reaktoren anfällt, kann wiederverwendet werden. Wie Peking die Technik am Ende einsetzt, wird sich aber nur schwer kontrollieren lassen.

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