Atomtransport : Der Castortransport rollt wieder - Großaufgebot für Gorleben

Es ist wieder Castorzeit: Im Wendland versammeln sich zehntausende Demonstranten und 17.000 Polizisten.

Reimar Paul[Dannenberg]
Nach zwei Jahren Pause rollt wieder Atommüll ins Wendland. Zum Protest gegen die Lagerung des stark strahlenden Abfalls in Gorleben werden mehr als 30.000 Demonstranten erwartet Viele wollen auch aktiven Widerstand leisten.Weitere Bilder anzeigen
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27.10.2010 11:22Nach zwei Jahren Pause rollt wieder Atommüll ins Wendland. Zum Protest gegen die Lagerung des stark strahlenden Abfalls in...

Das Wendland macht sich demofein. In Erwartung des für das erste Novemberwochenende angekündigten Castortransports sind in Meuchefitz und Waddeweitz, in Breselenz und Gedelitz und vielen anderen Dörfern Haus und Hof geschmückt worden. Die Leute haben Anti- Atomtransparente aufgespannt und Fahnen mit der lachenden Sonne gehisst, gelbe Latten zu einem „X“ zusammengenagelt und in Vorgärten, an Stalltüren oder auf den abgeernteten Feldern aufgestellt. Das gelbe „X“ wirkt wie ein Symbol der Verschworenheit gegen die Atommülltransporte. Das „X“ steht für „Nix“ - nix Castor, nix Atomkraft. Der bevorstehende Castortransport ist der zwölfte ins Zwischenlager Gorleben. Die Zahl der dort abgestellten Behälter erhöht sich damit auf 102. Insgesamt bietet die oberirdische Betonhalle im Gorlebener Wald Platz für 420 Castoren.

Bei dem Atomschrott, der nun nach Gorleben geschafft werden soll, handelt es sich um in Glas eingeschmolzene Rückstände aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague. Dort ließen die deutschen Stromkonzerne die verbrauchten Brennstäbe aus ihren Kernkraftwerken früher recyceln. Bundesregierung und Stromwirtschaft begründen die Notwendigkeit der Transporte nach Gorleben damit, dass Deutschland völkerrechtlich verbindlich zur Rücknahme des Atommülls verpflichtet sei.

Die Atomkraftgegner befürchten hingegen, dass jeder weitere Castortransport Gorleben auch als Endlagerstandort festschreibt. Deswegen wollen sie in zwei Wochen zu zehntausenden demonstrieren. Geplant sind Kundgebungen, Fahrraddemonstrationen, Laternenumzüge, eine Pferdeprozession und Sitzblockaden. Die „Grauen Zellen“, eine Gruppe von Anti-Atom-Veteranen im Rentenalter, veranstaltet schon seit Monatsbeginn Picknicks in Sichtweite des Verladekrans, der die Castorbehälter von Eisenbahnwaggons auf Lastwagen hieven soll. Eine Initiative „Castor schottern“ hat angekündigt, die Schottersteine aus dem Gleisbett der dann nur von dem Atommüllzug befahrenen Bahnstrecke zu räumen. Die Staatsanwaltschaft Lüneburg sieht darin einen Aufruf zu Straftaten und hat gegen hunderte Unterstützer Ermittlungsverfahren eingeleitet.

An der Verladestation in Dannenberg und an den Bahnhöfen im Wendland ist Polizei aufmarschiert. Insgesamt will Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) rund 17 000 Polizisten in den Castoreinsatz schicken. Gerade erst verfügte die Polizeidirektion Lüneburg ein Demonstrationsverbot entlang der Transportstrecke. Vom 7. bis zum 16. November sind in den Transportkorridoren „alle öffentlichen Versammlungen unter freiem Himmel und Aufzüge (so genannte Spontanversammlungen)“ untersagt worden. Die für den 6. November geplante Großdemonstration in Dannenberg ist erlaubt.

„Der Castor kommt, die Demokratie geht“, kommentiert die örtliche Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) das Demo-Verbot. Statt einer politischen Lösung des Atomkonfliktes solle es wieder einmal die Polizei richten.

Einen Teilerfolg können die Umweltschützer aber verzeichnen. Mit ihren Klagen gegen die weitere Erkundung des Salzstocks Gorleben als Atommüllendlager haben sie einen vorläufigen Stopp der Arbeiten erzwungen. Die Klagen haben aufschiebende Wirkung, wie das Verwaltungsgericht Lüneburg bestätigte. Die niedersächsischen Bergbehörden, die mit der Fortschreibung eines Jahrzehnte alten Rahmenbetriebsplans kürzlich grünes Licht für die weitere Untersuchung gaben, hatten es versäumt, diese Verlängerung mit einem Sofortvollzug zu versehen – sobald das Bergamt diesen Sofortvollzug anordnet, kann die Untersuchung des Salzstocks allerdings weitergehen.

Die BI hält den Rechtsweg gleichwohl für Erfolg versprechend. „Die Fortschreibung des verbrauchten und veralteten Rahmenbetriebsplans aus dem Jahr 1982 zielt vor allem darauf, die Mitsprache und Klagebefugnis der Öffentlichkeit zu unterlaufen“, sagt BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. Eine erfolgreiche Klage, flankiert vom Protestgeschehen Anfang November im Wendland, eröffne ein Zeitfenster, um aus Gorleben auszusteigen.

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