Atomtransport : Der Castortransport rollt wieder - Großaufgebot für Gorleben

23.10.2010 22:55 UhrVon Reimar Paul
  • Nach zwei Jahren Pause rollt wieder Atommüll ins Wendland. Zum Protest gegen die Lagerung des stark strahlenden Abfalls in Gorleben werden mehr als 30.000 Demonstranten erwartet... - Foto: dapd
  • "Castor schottern": Kernkraftgegner demonstrieren in Berlin an einem ausrangierten Bahngleis, wie sie Anfang November den Castortransport im Wendland stoppen wollen. Mit möglichst... - Foto: Johannes Schneider
  • Die Technik des "Schotterns": Immer jeweils zwei Aktivisten höhlen mit Händen und Füßen das Gleisbett zwischen zwei Bahnschwellen aus. - Foto: Johannes Schneider

Es ist wieder Castorzeit: Im Wendland versammeln sich zehntausende Demonstranten und 17.000 Polizisten.

Das Wendland macht sich demofein. In Erwartung des für das erste Novemberwochenende angekündigten Castortransports sind in Meuchefitz und Waddeweitz, in Breselenz und Gedelitz und vielen anderen Dörfern Haus und Hof geschmückt worden. Die Leute haben Anti- Atomtransparente aufgespannt und Fahnen mit der lachenden Sonne gehisst, gelbe Latten zu einem „X“ zusammengenagelt und in Vorgärten, an Stalltüren oder auf den abgeernteten Feldern aufgestellt. Das gelbe „X“ wirkt wie ein Symbol der Verschworenheit gegen die Atommülltransporte. Das „X“ steht für „Nix“ - nix Castor, nix Atomkraft. Der bevorstehende Castortransport ist der zwölfte ins Zwischenlager Gorleben.

Die Zahl der dort abgestellten Behälter erhöht sich damit auf 102. Insgesamt bietet die oberirdische Betonhalle im Gorlebener Wald Platz für 420 Castoren.

Bei dem Atomschrott, der nun nach Gorleben geschafft werden soll, handelt es sich um in Glas eingeschmolzene Rückstände aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague. Dort ließen die deutschen Stromkonzerne die verbrauchten Brennstäbe aus ihren Kernkraftwerken früher recyceln. Bundesregierung und Stromwirtschaft begründen die Notwendigkeit der Transporte nach Gorleben damit, dass Deutschland völkerrechtlich verbindlich zur Rücknahme des Atommülls verpflichtet sei.

Die Atomkraftgegner befürchten hingegen, dass jeder weitere Castortransport Gorleben auch als Endlagerstandort festschreibt. Deswegen wollen sie in zwei Wochen zu zehntausenden demonstrieren. Geplant sind Kundgebungen, Fahrraddemonstrationen, Laternenumzüge, eine Pferdeprozession und Sitzblockaden. Die „Grauen Zellen“, eine Gruppe von Anti-Atom-Veteranen im Rentenalter, veranstaltet schon seit Monatsbeginn Picknicks in Sichtweite des Verladekrans, der die Castorbehälter von Eisenbahnwaggons auf Lastwagen hieven soll. Eine Initiative „Castor schottern“ hat angekündigt, die Schottersteine aus dem Gleisbett der dann nur von dem Atommüllzug befahrenen Bahnstrecke zu räumen. Die Staatsanwaltschaft Lüneburg sieht darin einen Aufruf zu Straftaten und hat gegen hunderte Unterstützer Ermittlungsverfahren eingeleitet.

An der Verladestation in Dannenberg und an den Bahnhöfen im Wendland ist Polizei aufmarschiert. Insgesamt will Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) rund 17 000 Polizisten in den Castoreinsatz schicken. Gerade erst verfügte die Polizeidirektion Lüneburg ein Demonstrationsverbot entlang der Transportstrecke. Vom 7. bis zum 16. November sind in den Transportkorridoren „alle öffentlichen Versammlungen unter freiem Himmel und Aufzüge (so genannte Spontanversammlungen)“ untersagt worden. Die für den 6. November geplante Großdemonstration in Dannenberg ist erlaubt.

„Der Castor kommt, die Demokratie geht“, kommentiert die örtliche Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) das Demo-Verbot. Statt einer politischen Lösung des Atomkonfliktes solle es wieder einmal die Polizei richten.

Einen Teilerfolg können die Umweltschützer aber verzeichnen. Mit ihren Klagen gegen die weitere Erkundung des Salzstocks Gorleben als Atommüllendlager haben sie einen vorläufigen Stopp der Arbeiten erzwungen. Die Klagen haben aufschiebende Wirkung, wie das Verwaltungsgericht Lüneburg bestätigte. Die niedersächsischen Bergbehörden, die mit der Fortschreibung eines Jahrzehnte alten Rahmenbetriebsplans kürzlich grünes Licht für die weitere Untersuchung gaben, hatten es versäumt, diese Verlängerung mit einem Sofortvollzug zu versehen – sobald das Bergamt diesen Sofortvollzug anordnet, kann die Untersuchung des Salzstocks allerdings weitergehen.

Die BI hält den Rechtsweg gleichwohl für Erfolg versprechend. „Die Fortschreibung des verbrauchten und veralteten Rahmenbetriebsplans aus dem Jahr 1982 zielt vor allem darauf, die Mitsprache und Klagebefugnis der Öffentlichkeit zu unterlaufen“, sagt BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. Eine erfolgreiche Klage, flankiert vom Protestgeschehen Anfang November im Wendland, eröffne ein Zeitfenster, um aus Gorleben auszusteigen.

Videos - Politik

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Peter Altmaier von der CDU wird der neue Umweltminister - ist er der richtige Mann für den Posten?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite