Politik : Atomtransporte: Neue Lieferungen nach Sellafield

Nach der Wiederaufnahme der Atommülltransporte nach Frankreich will die deutsche Atomindustrie erstmals seit drei Jahren auch wieder abgebrannte Brennelemente in die britische Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield liefern. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hatte die Transporte bereits am 22. Januar genehmigt. Am Donnerstag gab das BfS die Genehmigung von sechs weiteren Transporten aus dem Atomkraftwerk Biblis ebenfalls nach Sellafield bekannt. Die Transporte aus Neckarwestheim müssen den Vorgaben des BfS zufolge bis zum 30. September erfolgt sein, die aus Biblis bis zum 31. Juli. Zuletzt war Atommüll aus deutschen Reaktoren im Frühjahr 1998 nach Sellafield gebracht worden.

Die in den fünfziger Jahren eröffnete Wiederaufarbeitungsanlage in Sellafield war Anfang des vergangenen Jahres zum wiederholten Mal in die Kritik geraten, weil Daten über Testergebnisse und Sicherheitskontrollen gefälscht worden waren. Die britische Überwachungsbehörde für Atomanlagen hielt der Sellafield-Betreibergesellschaft British Nuclear Fuels (BNFL) damals eine "mangelhafte Sicherheitskultur" vor. Mehrere Länder, darunter Deutschland, legten ihre Zusammenarbeit mit Sellafield vorerst auf Eis und verhängten Importverbote für Mischoxid-Brennelemente aus der britischen Atomanlage. Wegen mehrerer MOX-Brennelemente, die mit gefälschten Sicherheitspapieren aus Sellafield an den Atommeiler Unterweser geliefert worden waren, hatte der Stromkonzern Preussen-Elektra (heute Eon) dieses Atomkraftwerk vorübergehend vom Netz nehmen müssen.

Der Sprecher des Bundesumweltministeriums (BMU), Michael Schroeren, sagte nun die britische Atomaufsicht habe dem BMU bereits am 19. Dezember 2000 schriftlich mitgeteilt, dass die BNFL alle Auflagen umgesetzt habe. Damit habe auch das deutsche Umweltministerium "keine Versagensgründe" mehr für Transporte nach Sellafield, sagte Schroeren. Ein Sprecher der Betreiberfirma "Gemeinschaftskernkraftwerk Neckarwestheim" (GKN) wollte allerdings den Termin für den Transport aus Neckarwestheim auf Anfrage weder bestätigen noch dementieren: "Wir sagen nichts zu Terminen." Die "Berliner Zeitung" hatte berichtet, die Betreiber des Atomkraftwerks Neckarwestheim planten am 23. oder 24. April den Transport von 21 Brennelementen.

Das BfS erteilte die Genehmigungen für die Transporte jeweils unter Auflagen, um sicherzustellen, dass künftig die international festgelegten Grenzwerte für radioaktive Verunreinigungen auch an der Oberfläche der britischen Transportbehälter eingehalten werden. Die Behälter können jeweils sieben abgebrannte Brennelemente aufnehmen. Für die Transporte aus Biblis sollen Behälter vom Typ Castor S1 eingesetzt werden. Der konkrete Transporttermin muss mit den Innenministerien der Länder rechtzeitig vor dem Transportbeginn abgestimmt werden.

Das Atomkraftwerk Stade ist trotz eines übervollen Abklingbeckens am Donnerstag nach der Revision wieder in Betrieb gegangen. Im Becken des Kraftwerks seien zusätzlich 33 Plätze für abgebrannte Brennelemente belegt worden, die normalerweise für eine Entladung des Reaktorkerns bei Störfällen freigehalten würden, sagte die Sprecherin des Umweltministeriums in Hannover, Jutta Kremer-Heye. Die Revision habe außerdem wegen Roststellen an Rohrleitungen länger gedauert als geplant.

Das Umweltministerium habe nur vorübergehend erlaubt, 33 der insgesamt 145 so genannten Freihaltepositionen des Abklingbeckens zu besetzen, so Kremer-Heye. Nach einer Bund-Länder-Vereinbarung aus den achtziger Jahren solle zwar in den Abklingbecken aller Atomkraftwerke Platz für eine Entladung des Reaktorkern im Störfall freigehalten werden. Gegen eine zeitlich begrenzte Belegung der Freihaltepositionen hätten jedoch die Gesellschaft für Reaktorsicherheit und der Tüv in Gutachten und Reaktorsicherheitskommission in einer Empfehlung keine Einwände erhoben.

Der Abtransport von abgebrannten Brennelementen aus dem AKW Stade zur Wiederaufbereitung nach Frankreich werde demnächst beginnen, sagte die Ministeriumssprecherin. Dadurch würden im Abklingbecken wieder Positionen frei. Das Bundesamt habe bis zum Jahresende den Transport von 16 Behältern mit jeweils sechs abgebrannten Brennelementen von Stade nach La Hague genehmigt. Einer der Behälter befinde sich bereits zur Beladung in dem Atomkraftwerk.

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