Atomunfall? : In der Elbmarsch geht die Angst um

Wieder ist ein Mädchen in der Elbmarsch an Leukämie erkrankt. Umweltschützer glauben inzwischen an einen Atomunfall. Beweise haben sie jedoch keine.

Reimar Paul
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Derzeit stillgelegt. Das Atomkraftwerk Krümmel an der Elbe. -Foto: ddp

GöttingenIn der Elbmarsch südöstlich von Hamburg geht die Angst um. Seit fast 20 Jahren häufen sich hier Fälle einer lebensbedrohlichen Krankheit. 18 Kinder, Jugendliche und junge Leute, die in einem Fünf-Kilometer-Umkreis um das Atomkraftwerk Krümmel wohnen, bekamen Leukämie – das gilt als die höchste Rate weltweit. Mehrere der jungen Patienten starben. Jetzt gibt es einen neuen Fall. Betroffen ist ein neunjähriges Mädchen aus der Gemeinde Horburg auf der niedersächsischen Elbseite. Nach bislang unbestätigten Informationen soll auch noch ein weiteres Mädchen erkrankt sein. Während die Landesregierungen in Kiel und Hannover keine Erklärung für die vielen Blutkrebs-Erkrankungen haben, weisen Umweltschützer auf das Akw und das daneben liegende Forschungszentrum GKSS.

Auf dem Industriegelände Krümmel wurde einst Nitroglyzerin und Dynamit produziert. 1956 erwarb die Gesellschaft zur Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt (GKSS) das Gelände und die Bunker, um dort Atomforschung zu betreiben. Inzwischen hat die GKSS die nukleare Forschung eingestellt. Der Bau des Akw begann Ende der 1970er Jahre. Seither bestehen Zweifel an der Sicherheit des Meilers. Fachleute kritisierten schon damals, der zu hohe Kupferanteil im Reaktorstahl begünstige eine schnelle Versprödung. Bei plötzlichen Druck- und Temperaturschwankungen könnte der Reaktordruckbehälter platzen, wurde gewarnt. Prüfer des Tüv stellten laut „Spiegel“ Schlampereien fest: Verunreinigungen in den meisten Blechen, an den Schweißnähten zahlreiche Anzeichen, die als systematische Fehler angesehen werden mussten. Seit einem Transformatorbrand 2007 steht das Kraftwerk still.

Bürgerinitiativen wollen Informationen über einen schweren Unfall im Forschungszentrum oder im Akw am 12. September 1986 haben. Augenzeugen hätten blaue Stichflammen beobachtet. Die Feuerwehr soll damals auf das Betriebsgelände gerast sein, die Protokolle des Einsatzes sollen aber verschwunden sein. Bewiesen wurde der Atomunfall nie. Nach 1990 erfolgten die Neuerkrankungen besonders dicht aufeinander, fünf Jungen und Mädchen traf es innerhalb eines Jahres. Vier bis sechs Jahre beträgt bei Leukämie die Zeitspanne bis zum Auftreten erkennbarer Symptome. Doch auch dies ist allenfalls ein Indiz für den Unfall, wie auch Atomgegner einräumen.

Immerhin: Wissenschaftler fanden in Bodenproben in der Nähe der beiden Anlagen kleine radioaktive Kügelchen. Ein Team um Professor Wladislaw Mironow von der Universität Minsk analysierte die Proben und kam zu dem Ergebnis, dass die entdeckten Spaltprodukte in dieser Form in der Natur nicht vorkommen, sondern künstlich hergestellt worden sind. Der Berliner Physiker Sebastian Pflugbeil hat den Verdacht, im GKSS-Zentrum sei mit Atommaterial experimentiert worden. Andere Forscher sehen dafür keine Anhaltspunkte, oder sie bezweifeln Mironows Methoden. Mit den Leukämiefällen haben sich in der Vergangenheit diverse Expertenkommissionen der Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein beschäftigt. Weil sich die Mitglieder fachlich und politisch zerstritten, kamen sie nie zu einem einheitlichen Ergebnis. Nach dem jüngsten Leukämiefall in der Elbmarsch fordern Mediziner und Umweltschützer, das für nächsten Monat geplante Wiederanfahren des Akw zu stoppen und den Meiler endgültig abzuschalten. „Der Albtraum muss endlich aufhören“, sagt der niedersächsische Grünen-Fraktionschef Stefan Wenzel.

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