Atomwaffen : Im Kern inkonsequent

08.08.2008 00:00 UhrVon Hans Monath
Steinmeier Foto: dpa
Der Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier soll den linken Flügel bändigen. - Foto: dpa

In der Abrüstungspolitik plant das Auswärtige Amt den Abschied von bisherigen Prinzipien. Deutschland droht an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

BerlinAbrüstungsexperten aus fast allen Bundestagsfraktionen haben Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) vor einem Verlust der Glaubwürdigkeit Deutschlands beim Kampf gegen die Weiterverbreitung von Atomwaffen gewarnt. Anlass ist die anstehende Entscheidung der Gruppe der Lieferländer von Kernmaterial (Nuclear Suppliers Group, NSG) über eine Erlaubnis zum Export von Atomtechnologie nach Indien.

Vertreter von SPD, FDP, Linksfraktion und Grünen befürchten, dass die Position der internationalen Gemeinschaft im Atomstreit mit dem Iran unterminiert wird, wenn im Umgang mit Nuklearmächten doppelte Standards geschaffen werden.

Die USA drängen nach dem US-indischen Atomabkommen auf eine Ausnahmegenehmigung der NSG für Indien, das dem Atomwaffensperrvertrag nie beigetreten ist und deshalb bisher nicht beliefert werden durfte.

Steinmeier lobt IAEO

Eine Zustimmung Deutschlands zu der Ausnahmegenehmigung würde einen Bruch mit dem bisherigen Prinzip der strikten Nichtverbreitungspolitik bedeuten. Steinmeier, der sich auch mit Abrüstungsinitiativen profiliert, räumt dieses Dilemma ein. Die Hinweise mehren sich jedoch, dass Deutschland dem amerikanischen Druck in der NSG nachgeben wird, in der jeder der 45 Partner ein Vetorecht genießt. Die Gruppe tagt am 20. und 21. Mai in Wien unter deutschem Vorsitz.

Vergangene Woche lobte Steinmeier das neue Sicherungsabkommen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) mit Indien als "einen wichtigen Schritt" zur Einbindung des Atomwaffenlandes in die internationale Rüstungskontrolle. Doch nur die zivilen, nicht die militärischen Nuklearanlagen Indiens sollen von der IAEO kontrolliert werden. Bisher war Indien an keinen der entscheidenden Kontrollverträge gebunden.

SPD-Abrüstungsexperten: Deutschland darf dem Druck aus der USA nicht nachgeben

Doch auch die Abrüstungsexperten aus Steinmeiers eigener Fraktion, Uta Zapf und Rolf Mützenich, halten das Abkommen für ungenügend. Der Vorschlag an die NSG sei "nicht zustimmungsfähig“, sagt Uta Zapf. Eine Ausnahmegenehmigung bringe nur dann Fortschritte, wenn Indien sich verpflichte, kein waffenfähiges Nuklearmaterial zu produzieren, sein nukleares Waffenarsenal nicht weiter auszubauen und klarere Regeln für die Kontrolle durch die IAEO akzeptiere. Mützenich rät auch dazu, den zeitlichen Druck der USA keinesfalls nachzugeben. Er setzt darauf, dass der mögliche Bush-Nachfolger Barack Obama neue Anläufe bei der Abrüstung unternimmt.

Die Kritik der Oppositionspolitiker fällt noch schärfer aus. Deutschland müsse in der NSG darauf bestehen, dass sich Indien zur nuklearen Abrüstung verpflichte und Kontrollen der IAEO für alle zivilen Nuklearanlagen dauerhaft zulasse, fordert die FDP-Abgeordnete Elke Hoff. Ansonsten würden "nukleare Doppelstandards“ entstehen, die "gerade im Hinblick auf die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm fatale Auswirkungen hätten“. Sofern Berlin trotzdem zustimme, würde dies "einen immensen Glaubwürdigkeitsverlust“ für Steinmeier bedeuten, warnt die Liberale.

Jürgen Trittin: "Nichtweiterverbreitungsregime ins Mark getroffen"

Ähnliche Forderungen erheben auch die Grünen. Sofern die NSG für Indien nun eine Ausnahme schaffe, werde "das Nichtweiterverbreitungsregime ins Mark getroffen“, warnt Fraktionsvize Jürgen Trittin. Auch er befürchtet eine fatale Signalwirkung in Richtung Teheran. Linksfraktion-Außenpolitiker Paul Schäfer schließlich fordert, die Bundesregierung müsse in der NSG "offensiv Widerstand leisten“.

Unterstützung erhält der Minister nur aus der Union. "Steinmeiers Pragmatismus ist zu begrüßen“, meint etwa der Außenpolitiker Karl-Theodor Freiherr von Guttenberg: "Es gibt durchaus Gründe, dem Abkommen zuzustimmen.“ Gewöhnlich gehört der CSU-Politiker zu den schärfsten Kritikern des Außenministers innerhalb der Koalition.

Neu Dehli lobt Berlin

Die indische Regierung lobt unterdessen Kanzlerin Merkel und die Bundesregierung schon als internationalen Vorkämpfer für die angestrebte Ausnahmegenehmigung. "Sie leisten hervorragende Arbeit“, zitiert die Zeitung "Times of India“ Regierungskreise in Neu-Delhi.

Videos - Politik

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Peter Altmaier von der CDU wird der neue Umweltminister - ist er der richtige Mann für den Posten?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite