Attacke auf Berlusconi : Stunde der Abrechnung

Berlusconis Anhänger lasten der Opposition den Angriff auf den Regierungschef in Mailand an.

Paul Kreiner[Rom]
Tartaglia
Polizisten überwältigen nach der Attacke auf Berlusconi den 42-jährigen Massimo Tartaglia. -Foto: AFP

Es ist Sonntagabend, kurz nach halb sieben. Im nasskalten Mailand, auf einem zugigen Platz inmitten tausender Weihnachtseinkäufer, hat Berlusconi soeben eine Wahlkundgebung abgeschlossen. Er ist hergezogen über die „hasserfüllte, vom Marxismus durchtränkte Opposition“, über die RAI, die „als einziges Staatsfernsehen der Welt die Regierung attackiert, und das mit dem Steuergeld von allen“. Er hat wieder einmal gegen die „politisierte Richterschaft“ getobt, die Einfluss nehmen wolle auf die Gesetzgebung oder die „gegen gültige Parlamentsbeschlüsse vor ein Verfassungsgericht zieht, das aus Linken zusammengesetzt ist“.

Seine Worte, sagt Berlusconi, seien „keinerlei Angriff, sondern eine Fotografie der Realität“. Er steigt von der Bühne hinab in die Menge, gibt Autogramme, schüttelt Hände. Und dann trifft ihn von schräg links oben ein schwerer Schlag ins Gesicht. Das Fernsehen zeigt den blutüberströmten Berlusconi, formatfüllend, live.

In diesem Moment ist der Angreifer bereits überwältigt. Massimo Tartaglia heißt er, 42 Jahre ist er alt, Elektroniktechniker mit einem Hang zu Erfindungen und seit zehn Jahren in psychologischer Behandlung. Tartaglia hatte zugeschlagen mit einem „Dömchen“, einer Nachbildung des Mailänder Doms, einem beliebten Touristensouvenir. Er hat keine Vorstrafen. Sein Vater sagt, zu Hause habe man zwar nie Berlusconi gewählt, aber von Hass könne bei seinem Sohn keinerlei Rede sein. „Psychisch labil“ sei er, das schon.

Ein politisches Motiv für die Gewalttat scheidet also offensichtlich aus, eine Verschwörung genauso. Trotzdem erhebt sich nur Minuten nach dem Attentat ein Chor aus den Reihen der Regierungspartei, der in seiner Einstimmigkeit schon beinahe dirigiert erscheint: Die „politischen Auftraggeber“ Tartaglias müsse man bei der Opposition suchen, heißt es, die Linken seien „eine Wiege für Terroristen“. Sie verleumdeten Berlusconi seit seinem Eintritt in die Politik, „sie dämonisieren ihn, säen Hass, verführen einen psychisch Labilen zu solchen Anschlägen“. Mancher nennt die Oppositionsführer direkt beim Namen. Der Chef der oppositionellen Demokratischen Partei, Pier Luigi Bersani, und Antonio Di Pietro – sie seien schuld.

Di Pietro war früher ein Star-Staatsanwalt in Mailand, heute ist er Berlusconis rauester Gegner. Gleich nach dem Attentat bricht Di Pietro als beinahe Einziger aus dem umfassenden Chor der Berlusconi-Solidarität aus. „Ich bin immer gegen Gewalt. Aber Berlusconi mit seinem Benehmen und seiner permanenten Was-kümmert’s-mich-Haltung stiftet zur Gewalt an.“

Da ist es kein Wunder, dass die Anhänger Berlusconis nun über Di Pietro herfallen. Aber mehr noch. Für sie scheint nun insgesamt die Stunde der Generalabrechnung angebrochen: Die Medien mit ihren „Lügen“ und ihrer „unaufhörlichen Aggression“ gegen Berlusconi seien schuld am „vergifteten Klima“ in Italien, tobt es aus der Regierungspartei. Im obersten Richterrat hält der Abgesandte der Koalition, Gianfranco Anedda, eine Brandrede gegen Staatsanwälte und Richter – zwei nennt er sogar namentlich –, die „zumindest indirekt die Ursache der Gewalt“ seien.

Berlusconi selbst lässt aus dem Krankenhaus ausrichten, es sei an ihm „ein Wunder geschehen“: Hätte ihn der Angreifer einen Zentimeter höher getroffen, wäre das Auge zerstört worden; so aber seien nur die Nase angebrochen und zwei Schneidezähne zersplittert. Innenminister Roberto Maroni stuft das Attentat am Morgen danach noch schwerwiegender ein: Beinahe, sagt er, wäre Berlusconi getötet worden.

Vorerst muss Italiens Regierungschef im Krankenhaus bleiben. Wie er den Angriff psychisch verarbeitet, wie er selbst, der immer so viel Wert auf ein jugendliches Image gelegt hat, die Bilder seines öffentlich zerstörten Gesichts verkraftet, darüber gibt es im Augenblick noch nicht einmal Spekulationen.

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