Attentäter von Toulouse : Der Nervenkrieg

Seit 1995 hat Frankreich islamistische Anschläge nicht mehr erlebt. Am Mittwochmorgen stürmte die Polizei die Wohnung des mutmaßlichen Attentäters - und zog sich nach einer wilden Schießerei wieder zurück. Es wurde ein langer Tag.

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Tag der Trauer.
Tag der Trauer.Foto: AFP

Es soll der letzte Akt sein, um das Morden zu beenden. Die gespenstische Serie von gezielten Tötungen im Raum Toulouse zu stoppen, wenn möglich ohne einen weiteren Toten. Schwer bewaffnete Antiterrorspezialisten haben in der Nacht zu Mittwoch das mehrstöckige Wohnhaus mit der Nummer 17 in der Rue Sergent Vigné in Toulouse umstellt. In der Parterre-Wohnung hat sich Mohamed M. verschanzt, der mutmaßliche Attentäter, der sieben Morde in den vergangenen zehn Tagen verübt haben soll. Als die Beamten des Sonderkommandos den Verdächtigen um drei Uhr in der Früh zu überraschen versuchen, feuert der durch die verschlossene Wohnungstür und verletzt drei Beamte.

So wird, was als schneller Erfolg in Präsident Sarkozys Wahlkampf gepasst hätte, zu einem stundenlangen Zermürbungsmanöver. Am Montag waren drei Schüler und ein Lehrer am Eingang einer jüdischen Schule in der südwestfranzösischen Stadt erschossen und zuvor in derselben Stadt und im nahe gelegenen Montauban drei Fallschirmjäger mit Kopfschüssen regelrecht hingerichtet worden. Doch die Ergreifung des Täters wird zur Geduldsprobe, seiner habhaft zu werden, eine Frage der Nerven. Ein Mann ohne Ausweg nutzt die letzte Chance, die er hat, um sich als unbeugsamer Kämpfer zu inszenieren.

Frankreich trauert um die Opfer von Toulouse
25.03.2012: Schüler der jüdischen Ozar Hatorah-Schule trauern um ihre Mitschüler. Der radikalisierte Muslim Mohamed Merah hat sie vor einer Woche aus Hass gegen Juden erschossen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Reuters
21.03.2012 09:5825.03.2012: Schüler der jüdischen Ozar Hatorah-Schule trauern um ihre Mitschüler. Der radikalisierte Muslim Mohamed Merah hat sie...

Das vierstöckige Wohnhaus in der von kleinen Einfamilienhäusern gesäumten Straße wurde weiträumig umstellt. Straßensperren sind errichtet und Häuser aus Sorge vor eventuellen Explosionen evakuiert. Die Vertreter der Medien werden auf Abstand gehalten. Ab und zu tritt Innenminister Claude Guéant, der den Einsatz leitet, vor die Mikrofone und sei es, um zu dementieren, dass man den Verdächtigen bereits gefasst habe.

Zur gleichen Zeit in Jerusalem herrscht unfassbare Trauer. Israel hat viele Terroranschläge erlebt, hat um die Toten getrauert, mit den Hinterbliebenen gefühlt, für die Verletzten gebetet. Doch diesmal, am Mittag des Tages, an dem auch ein Schuldiger präsentiert werden soll, ist an den Abhängen des großen Friedhofes „Berg der Ruhe“ vieles anders als sonst. Es findet eine Beerdigung von Terroropfern statt, die nicht hier, sondern weit entfernt gestorben sind. Das ist das eine.

Das andere ist, dass die Trauer familiärer ausfällt, trotz der Anwesenheit zahlreicher hoher Offizieller, und auch erschütternder, weil ein Vater und zwei seiner kleinen Söhne zu Grabe getragen werden zusammen mit der Tochter des Rektors aus Toulouse, vor dessen Schule Mohamed M. am Montag aufgetaucht war und seine fliehenden Opfer wie ein Jäger verfolgt hatte. Von „wilden und unersättlichen Tieren, wilden durch ihren Hass wahnsinnig gewordenen Tieren“, denen sich die Juden in der Welt ausgesetzt sähen, wird Knesset-Präsident Reuven Rivlin später sprechen. Tausende folgen weinend, klagend, Psalme rezitierend den Särgen von Jonathan, Arieh und Gabriel Sandler, der siebenjährigen Miriam Monsonego.

In Jerusalem wurden am Mittwoch drei jüdische Kinder und ein Lehrer unter der Anteilnahme Tausender beigesetzt (links). Zur gleichen Zeit wurde in Montauban eines der ersten Opfer der Mordserie, der Fallschirmjäger Abel Chennouf, bestattet, unter den Augen seiner schwangeren Lebensgefährtin. Fotos:dpa, AFP
In Jerusalem wurden am Mittwoch drei jüdische Kinder und ein Lehrer unter der Anteilnahme Tausender beigesetzt (links). Zur...Foto: AFP

Rabbi Jonathan Sandler, in Toulouse geboren, in der Schule, in der er nun ermordet wurde, erzogen, nach Israel ausgewandert, zurückgekehrt nach Toulouse, geheiratet, mit Frau nach Jerusalem gezogen und schließlich vor sieben Monaten mit seiner Familie zurückgekehrt an seinen Geburtsort, um dort jüdischen Kindern jüdische Religion zu vermitteln, wird in seiner und des jüdischen Volkes Heimat begraben. Er, der hilflos zusehen musste, wie der Täter seine Söhne, den fünfjährigen Arieh und den vierjährigen Gabriel, ermordete, letzte grausame Bilder bevor ihn selbst tödliche Kugeln trafen.

Alain Juppé, der französische Außenminister, hatte zuvor schon gegenüber Staatspräsident Schimon Peres erklärt: „Das Blut unserer beider Völker ist in diesen Morden vergossen worden. Ganz Frankreich steht unter Schock.“

Die politisch bedeutendsten Worte allerdings wurden nicht in Jerusalem, sondern im benachbarten Ramallah vom palästinensischen Ministerpräsidenten Salam Fayyad gesprochen. Mit in dieser scharfen Form bisher nie geäußerter Kritik verurteilte er den Anschlag als „feigen Terror gegen Unschuldige“. Und fügte hinzu: „Kein palästinensisches Kind kann solche Verbrechen akzeptieren.“ Er wies damit die Behauptung Mohamed M.s zurück, sich für die Tötung palästinensischer Kinder gerächt zu haben. Es sei an der Zeit, so Fayyad, dass Terroristen aufhörten, ihre Untaten angeblich im Namen Palästinas zu verüben.

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