Politik : Attentat in London: Die Spur führt zur "Wahren IRA"

Matthias Thibaut

Ohne Zögern hat die Polizei am Freitag die irisch-republikanische "Real IRA" für die Autobombe verantwortlich gemacht, die im West-Londoner Stadtteil Ealing Verheerungen verursacht und sieben Verletzte gefordert hat. Vier Menschen befanden sich am Nachmittag noch im Krankenhaus, gesperrte Straßen führten zu einem Verkehrschaos im Westen der britischen Hauptstadt. "Wir müssen von Glück sagen, dass wir es hier nicht mit einem Massenmord zu tun haben", sagte der Chef der Terrorismus-Abwehr der Londoner Polizei, Alan Fry.

Die Täter hatten die 40-Kilo-Bombe in einem grauen Saab versteckt und diesen am Donnerstagabend um etwa 23 Uhr in unmittelbarer Nähe eines Pubs in dem Stadtteilzentrum mit seinen vielen Restaurants und Bars geparkt. Um 23.33 Uhr wurde eine missverständliche, unpräzise Telefonwarnung durchgegeben. Die Bombe explodierte wenige Sekunden nach Mitternacht, nur 150 Meter von einer Karaoke-Bar und 100 Meter von der U-Bahnstation entfernt. In einem Umkreis von rund 200 Metern wurden Gebäudefassaden und Fensterscheiben zerstört. "Erst als ich wegrennen wollte, merkte ich, dass ich am Bein verletzt war", sagte Saiwin Kyauk der BBC. Der 19-Jährige hatte an einer Bushaltestelle gewartet, als die Bombe explodierte. Der 24-Jährige IT-Spezialist Worayot Anuvatnujotikul berichtete nach der ambulanten Behandlung im Krankenhaus, wie er einen "riesigen Knall hörte" und dann von Polizisten aufgefordert wurde, "so schnell wie möglich wegzurennen". Polizeichef Fry: "Es war ein rücksichtsloser terroristischer Anschlag mit dem Ziel, Menschen zu morden und zu verstümmeln."

Die "Real IRA" (Wahre IRA) ist eine Splittergruppe von IRA-Dissidenten, die den nordirischen Friedensprozess und damit auch den bisher eingehaltenen Waffenstillstand der IRA ablehnen. Die Organisation trat zum ersten Mal im August 1998 mit dem Anschlag von Omagh in Erscheinung, bei dem ein Sprengsatz im Einkaufszentrum der nordirischen Kleinstadt 29 Menschenleben forderte. Seither hat die Splitterorganisation mit einer Reihe spektakulärer Anschläge vor allem in London ihre wachsende Schlagkraft demonstriert. Erst im März wurde der Haupteingang des BBC-Fernsehzentrums in West-London durch einen Sprengstoffanschlag zerstört. Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass ein beträchtliches Maß an Kenntnissen und Material von der IRA an die "Real IRA" weitergeleitet wurde.

Am Montag sollen die Parteien, die das Friedensabkommen von 1998 unterstützen, zu den jüngsten Vorschlägen der britischen und irischen Regierungen zur Krise des Friedensprozesses Stellung nehmen. Am Freitag beriet der politische Arm der IRA, Sinn Fein, über den weiteren Kurs. Mit dem Bombenanschlag von Ealing gibt die "Real IRA" zu verstehen, dass der bewaffnete Kampf gegen die britische Rolle in Nordirland weitergehen wird, ungeachtet dessen, was die Politiker beschließen. Der britische Nordirlandminister John Reid sagte, die Bombe führe den Menschen nur vor Augen, was sie mit dem Friedensprozess überwinden wollten. "Dieser barbarische Anschlag sollte unsere Entschlossenheit, zu einer Einigung zu kommen, stärken. Niemand wird es verstehen, wenn wir uns die Lösung entschlüpfen lassen, die in greifbarer Nähe ist." Der Nordirland-Sprecher der Konservativen, Andrew MacKay, warnte vor weiteren Zugeständnissen an die republikanische Seite, die auf Kosten der Sicherheit gingen: "Es ist klar, dass die Dissidenten der republikanischen Terroristen ihre potenziell mörderische Kampagne im ganzen Königreich fortsetzen."

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