Attentate : Tiefe Verunsicherung auf dem Sinai

Nicht einmal 48 Stunden sind seit dem Blutbad von Dahab vergangen, da sprengen sich auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel schon wieder zwei Selbstmordattentäter in die Luft.

Kairo - Sie richten zwar im Vergleich zu den Anschlägen in dem Urlaubsort nur wenig Unheil an. Die Ägypter aber sind nun tief verunsichert und fragen sich, ob die Regierung und die Sicherheitskräfte wirklich in der Lage sind, sie vor der Gewalt der Extremisten zu schützen.

Denn diese gehen mit einer Präzision vor, die auf einen hohen Organisationsgrad schließen lässt. In Dahab detonierten die drei Bomben am Montag fast gleichzeitig, genau wie zuvor auch schon bei den Anschlägen in Taba und Scharm el Scheich. Auch an diesem Mittwoch verging nicht viel Zeit zwischen der ersten Attacke im Norden der Sinai-Halbinsel und dem zweiten Angriff, der sich nur wenige Kilometer vom Ort des ersten Anschlags entfernt ereignete. Dies lässt die vom Innenministerium verbreitete Version von der Unheil stiftenden Beduinen-Truppe aus Sicht der meisten Beobachter unglaubwürdig erscheinen.

«Besondere Sicherheitsmaßnahmen sind hier auf dem Sinai auch nach den Dahab-Anschlägen nicht zu erkennen», meint eine ägyptische Journalistin. «Sie kontrollieren an den Straßensperren nur die Ausweise.» Zwar hat die ägyptische Polizei nach der Bombenserie von Dahab schon 30 «Verdächtige» festgenommen. Doch das bedeutet keineswegs, dass sie den Drahtziehern der Anschläge wirklich auf der Spur ist. Denn auch nach früheren Terroranschlägen hatten die Sicherheitskräfte auf dem Sinai Dutzende von Ägyptern festgenommen, die aus ihrer Sicht dem typischen «Terroristen-Profil» entsprachen, sich bei genauerer Ansicht jedoch als unschuldig erwiesen.

Sinai lebt vom Tourismus

Vor allem die Beduinen, die jeden Winkel des zum Teil unwegsamen Geländes auf dem Sinai kennen und die oft Geländewagen ohne Nummernschilder fahren, geraten immer wieder ins Visier der Fahnder. Dabei sind diese keineswegs für islamistischen Extremismus bekannt. Einige von ihnen profitieren auch vom Tourismus. Vielmehr dürfte hier ein latenter Rassismus mit im Spiel sein. So hatte das Kairoer Innenministerium im Zuge der Fahndung nach den Hintermännern früherer Selbstmordattentäter offiziell von «Ägyptern und Beduinen» gesprochen - ganz so, als seien die Beduinen keine ägyptischen Staatsbürger.

Selbst in den regierungsnahen ägyptischen Tageszeitungen stellt man sich inzwischen die Frage, ob die Strategie der Sicherheitskräfte, den Sinai nach den Anschlägen von Taba und Scharm el Scheich von Norden nach Süden mit dem «eisernen Besen» zu durchkämmen, nicht vielleicht kontraproduktiv war und neuen Hass auf die Staatsmacht erzeugt hat. Kontrovers diskutieren ägyptische Beobachter die Frage, ob eine internationale Terrororganisation, die ägyptische Mitglieder hat, hinter den Anschlägen steckt. Die Islamistengruppen, die Ägypten in den 90er Jahren mit Terror überzogen hatten, haben jedenfalls erklärt, sie hätten mit der jüngsten Welle der Gewalt nichts zu tun. (Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa)

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