Politik : "Au weia, jetzt wird es peinlich"

AMORY BURCHARD

Andreas Nachama hat sich am Freitagmorgen Zeit genommen, die Bundestagsdebatte am Fernseher in seinem Arbeitszimmer zu verfolgen. Die Verabredung gilt: Pünktlich um 9 Uhr schaltet der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in der Fasanenstraße die Übertragung aus Bonn auf ZDF ein. Schon ab halb zehn steht der Mitarbeiter aus dem Vorzimmer alle paar Minuten in der Tür. Nachama winkt mehrmals ab: "Jetzt nicht, jetzt wird es doch gerade spannend."

Nach dem ersten Redebeitrag der Debatte, nach Wolfgang Thierse (SPD), dem Nachama in vorgebeugter Haltung folgt, lacht er auf und ruft aus: "Er hat alles gesagt. Schluß der Debatte, abstimmen!" An zweiter, wohl auch prominenter Stelle, redet Norbert Lammert von der CDU. Der Körpersprache nach zu urteilen geht Nachama jetzt auf Distanz. Während Thierse vom Streit über die Opfergruppen redete, stemmte Nachama eine Faust vor den Mund. Als Thierse postulierte, das Eisenmansche Stelenfeld werde "Empathie" für die ermordeten europäischen Juden wecken, hob er die verschränkten Hände auf Kniehöhe, die Fingerknöchel traten weiß hervor. CDU-Mann Lammert dagegen entlockt ihm ein müdes Lächeln ein Runzeln der hohen Stirn. Lammert kritisiert "Beschlußempfehlungen, die von Parteien oder Koalitionen beeinflußt waren", spricht vom von ihm favorisierten Eisenman-Entwurf als einem "Ort der Irritationen". Nachama kommentiert: "Das ist schon wieder das übliche Politikerlatein." Aber nach den Reden der vor Rührung bebenden Antje Vollmer (Bündnis 90/Grüne) und von Wolfgang Gerhardt (FDP), der mehrmals "das Drama der deutschen Geschichte" beschwört, lobt er Lammert doch beinahe. "Die anderen Reden hatten etwas Pastorales. Wenn sich Politiker auf allgemeine Weisheiten versteigen, bin ich immer skeptisch." Empfindlich reagiert Nachama auf die Naumann-Rede. Als der Kulturstaatsminister das Kanzlerwort, ein Mahnmal müsse ein Ort sein, zu dem man gerne hingeht, verteidigt, stöhnt er auf: "Au weia, jetzt wird es peinlich."

Nachama selbst fühlt sich am Tag der Bundestagsentscheidung nicht aufgerufen, zu entscheiden: "Das ist ja der Sinn von Parlamenten: Ich muß mich nicht entscheiden, die Entscheidung kommt weg von der Straße, in den Bundestag." Daß Eberhard Diepgen in Bonn nicht noch einmal drohte, eine Pro-Eisenman-Entscheidung nicht zu akzeptieren, registriert Nachama denn auch mit Erleichterung. Als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde wünscht sich Nachama, die Entscheidung über das Mahnmal - das ohnehin fünfzig Jahre zu spät komme - solle konsequent sein, "keine Halbheit". "Eisenman zwei plus Ort der Information" steht für ihn nicht im Widerspruch zu dem "lebendigen Mahnmal", das er immer an Stelle einer abgeschlossenen Planung gefordert hat. "Das Mahnmal muß sich im Gebrauch bewähren. Die Stiftung, die für das Mahnmal zuständig sein wird, kann sich auch um Ergänzungen kümmern."

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