Politik : Auch du, Nockemann?

Der entlassene Hamburger Innensenator Schill fühlt sich verraten – auch von seinem Ex-Büroleiter und möglichen Nachfolger

Günter Beling[Hamburg]

Ronald Barnabas Schill werden derzeit viele Rollen angedient. Die einen können sich den gefeuerten Hamburger Innensenator als Star einer Gerichtsshow im Privatfernsehen vorstellen. Die nächsten sehen ihn als Sozius in der Anwaltskanzlei seines früheren Staatsrats. Schill selbst denkt über ein Buch nach und berichtet geheimnisvoll von Anfragen aus der Werbebranche: „Ich bin offen für alle Optionen.“ Vor allem aber forscht er nach dem Grund seines tiefen Falls: Hier hat sich der zur Theatralik neigende Politiker für die Rolle des Julius Cäsar entschieden.

Ein „Komplott meiner Feinde“ habe ihn den Job gekostet, erläuterte der Rechtspopulist der „Bunten“. In Verdacht hat Schill seinen Ex-Büroleiter Dirk Nockemann, der am Mittwoch zum neuen Innensenator gewählt werden soll: „Es gibt Anlass zu Vermutungen, dass er eine Verbindung zu von Beust hatte. Bis zum Montag hat Nockemann mir noch überfreundlich seine Loyalität versichert. Jetzt ist davon nichts mehr übrig. Ein Verhältnis wie bei Brutus und Julius Cäsar." Nockemann erwiderte, der Ex-Chef leide unter einem „Wahrnehmungsdefizit“.

Die verbalen Scharmützel sind Vorboten eines bundesweiten Großkonflikts: Eine Schill-Partei ohne Schill ist Wählern und Parteimitgliedern nicht zu vermitteln. Der Gründer sammelt bereits Grußadressen: Die Landesverbände NRW und Berlin hätten ihn ermutigt, „mich nicht unterkriegen zu lassen“. Auch im Hamburger Umland ist man sauer. Früher hätten sich viele „in Schills Erfolgen gesonnt“, jetzt verließen „einige Ratten das sinkende Schiff“, so die Pinneberger. Der Bundesvorstand forderte Schill auf, „seine erfolgreiche Parteiarbeit fortzusetzen“. Auf der Homepage der Partei sind Forum und Gästebuch abgeschaltet: Schill-Fans hatten dort massenhaft gemosert. Schon kursieren erste Namen von Getreuen in der Bürgerschaft, die ihre Sympathien bei der Wahl Nockemanns deutlich machen könnten. Bei einer internen Probeabstimmung gab es bereits eine Enthaltung – mit drei Gegenstimmen wäre der neue Senat geplatzt. Fraktionschef Norbert Frühauf wiegelt ab: Die Gerüchte, es gäbe drei Abweichler, seien „definitiv falsch".

Am Montag trifft sich die Schill-Fraktion, auch, um „die Vergangenheit und Zukunft zu analysieren“, so Fraktionssprecher Marco Haase. Niemand kann sich vorstellen, dass Schill auf Dauer die Hinterbank drücken wird. Eine neue Partei? „Ausgeschlossen ist nichts. Aber wahrscheinlicher ist, dass ich der Politik den Rücken kehre.“ Davon abhalten wollen ihn in Hamburg nur noch wenige.

So wurde Schill vom ZDF-„Hansetreff" am Mittwoch wieder ausgeladen. 1500 Zusagen zählte Studio-Chef Knut Terjung, darunter jene Schills, der sich mir vier Bodyguards plus Fahrer angemeldet hatte. Terjung sagte ihm ab: „In Anbetracht der Ereignisse bitte ich Sie, auf eine Teilnahme zu verzichten." Im März wurde der Rechtspopulist beim Jahresempfang der Landespressekonferenz (LPK) an den Ehrentisch gebeten. Nun sagt der LPK-Chef Jürgen Heuer: „Ich sehe keinen Grund, einen Hinterbänkler einzuladen.“

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