Politik : Auf Befehl von Al Qaida

DiePolizei deckte ein weit verzweigtes Netz auf – und noch immer werden Verdächtige festgenommen

Ralph Schulze[Madrid]

Zwölf Monate nach dem verheerenden Terroranschlag von Madrid am 11. März 2004 hat die Polizei die Hintergründe des schlimmsten Attentats der spanischen Geschichte noch immer nicht restlos aufklären können. Auch weil in diese Terrorattacke, durch die 191 Menschen starben, ein weit verzweigtes und internationales Terrornetz verwickelt ist, das sich bisher aus nahezu 100 Tatverdächtigen zusammensetzt. Mindestens fünf der mutmaßlichen Bombenleger befinden sich noch auf der Flucht, 75 mutmaßliche Tatbeteiligte, überwiegend arabischer Herkunft, wurden festgenommen, der letzte an diesem Dienstag. 22 von ihnen sitzen in Untersuchungshaft, die anderen kamen unter Auflagen zunächst frei. Ein sechzehnjähriger Spanier wurde bereits zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er bei der Sprengstoffbeschaffung geholfen hatte. Sieben mutmaßliche Bombenleger sprengten sich am 3. April 2004, drei Wochen nach dem Attentat, in ihrem Madrider Versteck unter den Rufen „Gott ist groß“ in die Luft.

Der Terrorplan wurde, den Aussagen der Verdächtigen zufolge, ein gutes Jahr vor dem Anschlag geboren – also kurz vor Beginn des Irakkrieges, den die damalige spanische Regierung unterstützte. Spanien müsse bestraft werden, schwor damals eine Gruppe überwiegend marokkanischer Fanatiker, die sich regelmäßig im Madrider Immigrantenviertel Lavapies trafen. „Spanien ist ein Land, das gegen die Muslime ist", hetzte einer der Wortführer, der Tunesier Serhane ben Abdelmajid Fakhet. Das Terrordatum wurde wegen seines „großen symbolischen Wertes“ festgelegt – zweieinhalb Jahre oder 911 Tage nach dem 11. September 2001 und drei Tage vor der Wahl in Spanien.

Die Männer, die meist schon Jahre in Spanien lebten, dort zumeist auch schon als Extremisten aktenkundig waren, gründeten das, was die Ermittler später die „Madrider Zelle“ tauften. Ein zu allem entschlossenes Fanatikerkommando, das sich aus Mitgliedern der „Islamischen Kampfgruppe Marokko“ (GICM) speiste. Die GICM gilt als eine der aktivsten Terrorgruppen in Nordafrika und Europa sowie als mordender Arm des globalen Terrornetzwerkes Al Qaida.

Die Polizei geht inzwischen davon aus, dass der Befehl zum Terror von der Al-Qaida-Führung kam. Eines der mutmaßlichen Terrorgehirne von Madrid, der Marokkaner Youssef Belhadj, wird als Europasprecher Al Qaidas eingeordnet. Er war Anfang Februar 2005 in Belgien festgenommen worden und soll nach Spanien ausgeliefert werden. Von der Madrider Zelle führen Spuren zu den Attentätern der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA, zum Kommando, das am 16. Mai 2003 in Casablanca 45 Menschen mit in den Tod riss, sowie zu den mutmaßlichen Mördern des holländischen Filmemachers Theo van Gogh.

Bestürzung löste bei der Polizei der Umstand aus, wie einfach es für die Terroristen war, ihr Todeswerk auszuführen. Für 6000 Euro kauften sie 200 Kilo Dynamit von einem spanischen Sprengstoffdealer, welcher der Polizei gut bekannt war. Im Internet fanden sie Anleitungen, wie man mit Handys und Dynamit Bomben bastelt. Etliche der Islamisten waren vor dem Attentat observiert worden – und dennoch hatte die Polizei von den Terrorplänen keine Ahnung. So konnten am 11. März 2004 etwa ein Dutzend Terroristen ungehindert mit Rucksackbomben in vier Madrider Vorortzüge einsteigen und ihre unheilvolle Fracht zurücklassen.

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