Politik : Auf dem Trockenen

Deutsche graben Polen Wasser ab, um Tagebau-Gebiete zu fluten

Sandra Dassler,Regina Dachowna[Gubin]

Von Sandra Dassler

und Regina Dachowna, Gubin

Ein Grenzkonflikt ist es nicht, eher ein Nachbarschaftsstreit. Aber er wirft ein Licht auf die alltäglichen deutsch-polnischen Verhältnisse, drei Jahre vor dem EU-Beitritt des Landes. Es geht um Existenzielles: um Wasser. „Man entscheidet über unsere Zukunft, ohne uns auch nur zu fragen. Viele Brunnen hier haben schon lange kein Wasser mehr. Was soll werden, wenn jetzt auch noch die Neiße angezapft wird?“ Leonard Tumilowicz von der Gemeindeverwaltung in der polnischen Grenzstadt Gubin ist empört. Erst von Journalisten hat er erfahren, dass in Dresden das Planfeststellungsverfahren für die Entnahme von Neißewasser genehmigt wurde. Es soll über kilometerlange Rohr- und Grabenverbindungen in die Lausitz in Brandenburg geleitet werden und dort zwei ehemalige Tagebaue in Seen verwandeln.

Künstliche Seen

Die Polen sitzen wegen der künstlichen deutschen Seenlandschaften auf dem Trockenen. Seit Jahren leiden mehrere tausend Einwohner auf der polnischen Seite der Neiße unter dem Rückgang des Grundwassers. Auch deutsche Gemeinden sind betroffen, aber dort gibt es Wasserleitungssysteme, in polnischen Dörfern oft nicht. Die meisten Einwohner entnehmen ihr Wasser privaten oder kommunalen Brunnen, von denen inzwischen viele ausgetrocknet sind. Ein Familienvater aus Przewoz erzählt: „Vor drei Jahren hatten wir den ganzen Sommer über kein Wasser. Wir mussten es aus einem fünf Kilometer entfernten Brunnen holen. Ich habe untersuchen lassen, wie tief ein neuer Brunnen sein müsste. Aber das hätte mich etwa 2000 Zloty (umgerechnet rund 500 Euro) gekostet. Dafür muss ich drei Monate arbeiten, ich kann mir einen neuen, tieferen Brunnen nicht leisten.“ Die Nachricht von der Entnahme des Wassers durch die Deutschen aus der Nysa, wie die Lausitzer Neiße hier heißt, hat den Menschen an der polnischen Westgrenze ihre traurige Situation erst richtig bewusst gemacht.

Inwieweit die polnischen Behörden über den jetzt gefassten Beschluss des Dresdner Regierungspräsidiums informiert sind, ist unklar. Zenon Kosiniak-Kamysz vom polnischen Innenministerium, der zugleich der deutsch-polnischen Regierungskommission für grenzüberschreitende Gewässerprojekte angehört, sagte: „Ich weiß nichts von einer solchen Entscheidung. Sollte sie tatsächlich ohne unsere Zustimmung erfolgt sein, würde das die bislang gute Zusammenarbeit mit Deutschland schwer belasten. “

Hat das Umweltministerium reagiert?

Der Sprecher des Dresdner Regierungspräsidiums, Holm Felber, kann das nicht verstehen: „Wir haben das Planfeststellungsverfahren gemäß entsprechender Abkommen und Konventionen und unter Einbeziehung des polnischen Umweltministeriums durchgeführt.“ Hat das Ministerium die Nachricht weitergeleitet? Aus der Warschauer Behörde war keine Stellungnahme zu erhalten.

Felber verwies darauf, dass ein Breslauer Institut die Wasserentnahme als unbedenklich für die Umwelt eingestuft habe – wenn gewisse Wassermengen nicht überschritten werden. Vom Leiter dieses Instituts wurde das im Prinzip bestätigt. Allerdings seien diese Wassermengen so groß, dass eine Entnahme nur in den Monaten November, Dezember und Februar möglich sei. Außerdem laufe die Untersuchung noch mindestens ein halbes Jahr. Erst dann könne man ein endgültiges Ergebnis über die Schäden erhalten.

Bis dahin wollen die Bürger in den betroffenen polnischen Gemeinden vor allem eines tun: protestieren und eine Entschädigung geltend machen, mit der sie sich Wasserleitungen finanzieren könnten.

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