Politik : Auf dem Weg nach Grosny

Hamburger Angeklagter: Atta wollte im Kaukasus kämpfen

Karsten Plog[Hamburg]

Der internationale Terrorismus sitze auch in Tschetschenien, hat der russische Präsident Putin immer wieder gesagt. Im Al-Qaida-Prozess in Hamburg spielte diese Verbindung am Dienstag eine wichtige Rolle: Mehrere Beteiligte an den Todesflügen vom 11. September wollten ursprünglich in Tschetschenien gegen die Russen kämpfen, sagte der Marokkaner Mounir El Motassadeq. Er wird von der Bundesanwaltschaft beschuldigt, an der Vorbereitung der Attentate der Hamburger Al-Qaida-Gruppe um Mohammed Atta beteiligt gewesen zu sein. Der Angeklagte weist diese Vorwürfe weiter zurück.

Der zweite Tschetschenienkrieg ist nach den Worten des Angeklagten in den Hamburger Moscheen ein wichtiges Thema gewesen. In einigen Moscheen hätte es Aushänge gegeben mit Hinweisen auf Massaker, die im Kaukasus an Muslimen begangen würden. Die Terrorpiloten Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah sowie der kürzlich in Pakistan festgenommene Ramzi Binalshibh hätten versucht, über Afghanistan nach Tschetschenien zu kommen, um dort zu kämpfen. Sie seien aber in den afghanischen militärischen Trainingslagern geblieben, angeblich, weil sie im Kaukasus nicht gebraucht worden seien. Was sie aber dort im Einzelnen getan hätten, wisse er nicht, sagte Mota.

Der Angeklagte hatte bereits am ersten Verhandlungstag in der vergangenen Woche einräumen müssen, selbst in Afghanistan gewesen zu sein. Er sei aber zurückgekehrt, weil er nach dem Studium der Elektrotechnik in seine Heimat Marokko habe zurückkehren wollen, wiederholte Motassadeq am Dienstag und fügte hinzu: „Jeder muss seinen eigenen Weg gehen.“ Der Marokkaner leugnet nicht, die mutmaßlichen Terroristen gekannt zu haben, schildert seine Verbindungen zu ihnen aber als eine normale Beziehung zwischen Muslimen. In alle weiter gehenden Pläne sei er nicht eingeweiht gewesen. Die in vielen Medienberichten als Sammelort der Atta-Gruppe beschriebene Islam AG an der Technischen Universität Harburg sei in Wirklichkeit vor allem die Bereitstellung eines kleinen Raumes zum Beten und Arbeiten durch die Hochschule gewesen. Zwar habe Atta die Einrichtung beantragt, aber auch viele andere Muslime, die mit dem späteren Geschehen nichts zu tun gehabt hätten, hätten den Raum genutzt. Zu seinem Bekanntenkreis in Hamburg-Harburg hätten nicht nur die Leute um Atta gezählt, sondern bis zu 30 Personen.

Zu Beginn des dritten Verhandlungstages hatte Verteidiger Hartmut Jacobi Hamburgs Justizsenator Roger Kusch (CDU) vorgeworfen, er habe seinen Mandanten vorverurteilt und versuche, auf den Ausgang des Verfahrens Einfluss zu nehmen. Jacobi bezog sich auf Medienberichte, nach denen der Senator vor Honorarkonsuln der USA geäußert hatte, Motassadeq habe „in Hamburg keine besseren Chancen davonzukommen, als vor irgendeinem amerikanischen Gericht“.

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