Auf den Punkt : Das Ende der Ausreden

Meinungs-Redakteur Moritz Schuller über die Deutschen und Barack Obama.

Moritz Schuller
Moritz Schuller, Meinungsredakteur -Foto: Kai-Uwe Heinrich

George W. Bush war ein Fehltritt, ein Makel, ein Missverständnis. Barack Obama ist ein Erlöser, ein Kennedy, ein King. Er wird Amerika für immer verändern.

Wer das glaubt, kennt die Systemfrage nur aus der "Sportschau". Kein Wunder also, dass allein der geschulte Sozialist Gregor Gysis davor warnt, dem Wechsel im Weißen Haus zu viel Bedeutung beizumessen. Die Möglichkeiten Obamas seien eingeschränkt, sagte er im Deutschlandfunk, der künftige Präsident übernehme den bisherigen Verwaltungsapparat und die vorhandenen Strukturen, etwa beim Militär oder den Geheimdiensten.

Das System bleibt, da hat Gysi recht, und den Systemgegnern stehen harte Zeiten bevor: Denn anders als unter Bush trägt Amerika keine Fratze mehr, sondern das Gesicht eines Verführers. Kritik an den USA, seit Jahren erste Bürgerpflicht, ist nun verboten. Das musste auch der russische Präsident erfahren. Als er nicht freudig genug auf den Machtwechsel in Washington reagierte, wurde er sofort vom bisher so russlandfreundlichen deutschen Außenminister ermahnt: Moskau solle die Chance, mit den USA "neu ins Gespräch zu kommen", nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Bei der Obama-Party möchten alle dabei sein. Die dunkle Macht ist seit Dienstag ein gutes Imperium, plötzlich ist jeder Schwarze, der es in Amerika nicht bis ganz nach oben schafft, selbst schuld, das rassistische Land eine durchlässige Aufsteigergesellschaft und ein Vorbild für den Rest der Welt. Heute sind wir wieder einmal alle Amerikaner - und Pax Obama heißt Pax Americana. Im Moment kostet uns das ja auch nichts. Mal sehen, wann die Ausreden wiederkommen.

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