Auf den Spuren Montesquieus : Der Föderalismus - besser als sein Ruf

In den Jahren 1728/29 reiste Montesquieu ins Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Im Nachbarland imponierte dem Franzosen offenbar besonders der heute viel gescholtene Föderalismus.

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Lob des Förderalismus: Der französische Philosoph Montesquieu.
Lob des Förderalismus: Der französische Philosoph Montesquieu.Foto: dpa

Es ist so banal wie richtig: Reisen bildet. Es weitet den Blick. Manchmal auch den politischen. So ging es zum Beispiel dem Franzosen Charles-Louis de Secondat, als er durch Deutschland gereist ist. Besser bekannt ist er unter dem letzten Teil seines Namenszusatzes: Baron de La Brède et de Montesquieu – genau: Das ist der mit der Gewaltenteilung. Vor etwa 300 Jahren hat er sich umgesehen im Reich, von dem sein Landsmann Voltaire später schrieb, es sei weder heilig noch römisch. Voltaire diente sich dem ach so großen König in Potsdam an. Montesquieu kam nicht bis Brandenburg, und über Preußen erfuhr er andernorts wenig Gutes, das er dann aufschrieb. Über den preußischen Hof etwa: „Man stirbt da vor Hunger.“

Die Aufzeichnungen Montesquieus über seine Reise ins Reich in den Jahren 1728/29 sind jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt und von dem Münsteraner Historiker Jürgen Overhoff herausgegeben worden. Es ist eine amüsante Lektüre über die damaligen Verhältnisse. Die Deutschen, quer durch alle Länder, hielt der Baron für „hydrophob“, sie hatten ein Problem mit dem Wasser, nicht im Zusammenhang mit der Körperhygiene, nein, gastronomisch – wenn er in Gasthöfen ein Glas Wasser verlangte, wurde er offenbar ausgelacht. Man trank Bier oder Wein.

Funktionierender Fürsten- und Städtebund

Montesquieus eigentliche Entdeckung aber, betont Overhoff, war der Föderalismus. Das Reich war ja ein Fürsten- und Städtebund, mit dem Reichstag in Regensburg, den Montesquieu besuchte, als (nicht ganz so geschäftigem) Mittelpunkt. Dem französischen Adeligen, dessen Land immer mehr zur zentralisierten Monarchie wurde, gefiel das offenbar. Dass eine solche Union von Fürstenstaaten und Reichsstädten einigermaßen funktionieren konnte, erstaunte den Franzosen. Und beeindruckte ihn.

Er hat daheim dann noch ein wenig drüber nachgedacht und später in seinem „Geist der Gesetze“ ein paar Sätze darüber verloren. Das Bundesstaatliche ist für ihn eine Form der Gewaltenteilung, nicht der Gewaltentrennung, denn Montesquieu hat schon erkannt, dass auch ein bisschen Kooperieren dazugehört. Er nannte die Staatsform „république fédérative“, also Bundesrepublik.

Später im 18. Jahrhundert reiste übrigens auch Benjamin Franklin durchs Reich, ebenfalls eine Art Studienreise, um zu schauen, wie Föderalismus funktioniert. Die Amerikaner, die ihren Montesquieu gelesen hatten, haben’s dann übernommen, wenn auch etwas anders organisiert.

Der Föderalismus, auch wenn viele den Begriff nicht mögen, ist unsere uralte Verfassungstradition. Nicht immer ganz perfekt, aber auch nicht dumm. Sonst würde sich das Föderale ja nicht seit dem früheren Mittelalter durch die deutsche Historie ziehen wie ein roter Faden. Aber täuscht der Eindruck, dass dieser bundesstaatliche Grundzug im Geschichtsunterricht an den Schulen keine so große Rolle spielt? Und woher kommt das antiföderale Gemeckere, das sich kreuz und quer durch die Kommentare im Netz zieht? Montesquieu hätte sich vermutlich gewundert. Die Deutschen – kein föderatives, sondern ein „föderophobes“ Volk?

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