Politik : Auf der Insel Kinmen hat man keine Angst vor der Großmacht

Harald Maass

Vielleicht ist hier alles nur eine Frage der Perspektive. Man kann den Besuch auf der kleinen Insel am Strand beginnen. Dort, wo sich Taiwans Soldaten mit ihren riesigen Geschützen tief in den Sand eingegraben haben, wo wuchtige Bunkeranlagen die rote Erde durchziehen und rostige Stahlträger feindliche Boote abhalten sollen. Kinmen ist Frontinsel, keine drei Kilometer ist es zum Feind. Seit einem halben Jahrhundert leben die rund 50 000 Einwohner und zeitweilig doppelt so viele Soldaten mit der Angst, dass China wieder angreifen könnte. Mehr als eine Millionen Bomben und Granaten haben Pekings Generäle auf diesen Flecken Erde abgeworfen, die letzten 1978. Das ist die eine Seite.

Man kann aber auch zuerst Wu Tseng-dong besuchen. Der ist Schmied und sagt: "Sollen sie ruhig kommen, das ist gut fürs Geschäft." Zehn Minuten braucht er für seine Arbeit: mit dem Schweißbrenner ein Stück Stahl ausgeschnitten, es im Hochofen erhitzt und anschließend mit ein paar schweren Hammerschlägen bearbeitet. Wieder ist aus einem Stück chinesischer Rakete ein Küchenmesser geworden. "Einen besseren Stahl kann man sich nicht vorstellen", schwärmt er. Mehr als 10 000 Bomben hat er so schon zu Haushaltsgeräten verarbeitet und mit Signaturen wie "Echter Stahl der Volksbefreiungsarmee" an Touristen verkauft. Ein Bombengeschäft sozusagen.

Doch am Sonnabend wählen die 22 Millionen Taiwanesen einen neuen Präsidenten, und plötzlich ist sie wieder da, die alte Angst vor China. Kriegsdrohungen schallen in diesen Tagen aus Peking. Taiwans Aktienmarkt sackte am Montag in den Keller. Sollte der Oppositionskandidat Chen Chui-bian gewinnen, warnt ein Experte, "wird es schwer, die Situation friedlich zu halten".

Und Kinmen könnte das erste Opfer sein. 1949 hatte Mao Tse-tung zum ersten Mal vergeblich versucht, die Insel, damals noch Quemoy genannt, zu erobern. 50 000 Soldaten landeten an der Nordküste. 56 Stunden dauerte die Schlacht, 15 000 Menschen starben. Gegen die Schusskraft der amerikanischen Panzer hatten Maos Bauernsoldaten nichts auszurichten. Und so verlegten sich die Kommunisten darauf, die Insel fortan zu bombardieren. Erst mit scharfer Munition, später platzten aus den Raketenhülsen nur noch Propagandahefte heraus, die den Taiwanesen "die Befreiung von der Knechtschaft der Imperialisten" versprachen.

Die Menschen gewöhnten sich an das Leben mit dem Feind. "Wir konnten uns ja nicht den ganzen Tag im Keller verstecken", sagt Wu. An geraden Tagen schossen die Kommunisten, an ungeraden die Taiwanesen. Bald konnte jedes Kind am Pfeifen in der Luft erkennen, wo die Rakete einschlagen würde. "Eigentlich ein ganz normales Leben", sagt Wu. Als keine Bomben mehr flogen, wurde 1992 das Kriegsrecht aufgehoben, und die Touristen kamen. Von seinem Vater übernahm Wu die Schmiedewerkstatt. Und die leeren Raketenhüllen, die sich auf der Insel stapelten, wurden sein Lebensunterhalt. Raketen zu Obstmessern.

Glaubt man den Rufen aus Peking und Taipeh, könnte der Schmied bald einiges zu tun bekommen. Nach der Übernahme der ehemaligen Kolonien Hongkong und Macao haben Pekings Führer den Druck auf Taiwan erhöht. Chinas Staats- und Parteichef Jiang Zemin hat die Taiwanfrage zur Chefsache erklärt. Mao Tse-tung war der Revolutionär, Deng Xiaoping der Reformer. Und Jiang? Als Mann der Wiedervereinigung will er seinen Platz in Chinas Geschichte erobern.

Doch er hat ein Problem. Obwohl China über ein Vielfaches an Soldaten verfügt und die Küste vor Taiwan mit Hunderten Raketen bestückt hat, ist die Volksbefreiungsarmee (PLA) bislang militärisch nicht in der Lage, Taiwan zu erobern. Als einen "riesigen Flugzeugträger" bezeichnete einst ein US-General die Insel. Dank der Unterstützung der USA und Europas sind Taiwans Soldaten technisch überlegen. Aber bei Kinmen und seinen unbewohnten Nachbarinseln sind sich die Experten nicht so sicher. Mit knappen Gesten fährt Unteroffizier Chen über die Landkarte an der Wand. "Ziemlich schwierig" wäre es, die Verteidigungsstellen zu stürmen, erklärt er. Aber unmöglich? Als Warnschuss gegen Taiwan könnte Peking auch wieder anfangen, Übungs- oder Propagandaraketen Richtung Kinmen abzuschießen, wie bei der Präsidentschaftswahl 1996. "Da könnten wir kaum etwas unternehmen", gibt der Soldat zu. Für Taiwan sei es vor allem wichtig, auf Kinmen die "staatliche Souveränität zu demonstrieren".

Vielleicht ist es aber auch umgekehrt, vielleicht braucht Taiwan die kleine Insel und seine tapferen Bewohner dringender als umgekehrt. Zur Sorge der Militärs will auf Taiwan nämlich kaum ein Mensch etwas von Krieg wissen. Ein paar Raketen auf die Hauptstadt Taipeh würden genügen, sagt resigniert ein taiwanesischer General, und "wir würden die weiße Flagge hissen".

Denn trotz der mit Tarnnetzen verhängten Schießstände und trotz der Betonpfeiler mit eisernen Widerhaken auf den Gemüsefeldern, die potenzielle Fallschirmspringer aufspießen sollen: Die Menschen auf Kinmen haben sich an das Zusammenleben mit China längst gewöhnt. Nach einem Glas Hirseschnaps erzählen die Fischer, dass sie heimlich "mal zum Handeln" ans Festland fahren. Viele waren auch schon als Touristen auf der anderen Seite. Und die Gefahr aus China, die Angst vor einem Krieg? Als guter Geschäftsmann dürfe er so etwas vielleicht nicht sagen, erklärt Schmied Wu, "aber hier bleibt alles friedlich". Mit einem gespielten Anflug von Bedauern fügt er an: "Dabei könnte ich etwas Nachschub gebrauchen."

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