Politik : Auf der Mauer

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Am Abend des 9. November ließ ich mich zum Übergang HeinrichHeine-Straße fahren. Am nächsten Morgen stand ich am Brandenburger Tor auf der Mauer. Danach suchte ich den Rektor der Humboldt-Universität, Dieter Hass, auf. Ich war wie elektrisiert von der Maueröffnung und bejubelte sie gemeinsam mit den Menschen aus Ost und West. Bei meinem Ost-Berliner Amtskollegen begegnete mir allerdings kaltes Entsetzen. Ich hatte Dieter Hass schon im September 1989 in England bei der europäischen Rektorenkonferenz kennen gelernt. Dort setzten wir uns auf ein Bier zusammen. Es wurde jedoch ein kurzes Gespräch. Hass legte mir mit drohendem Unterton nahe, wegen der offenen ungarischen Grenze bei der Bundesregierung zu intervenieren. Offenbar dachte er, dass ich einen ähnlichen Einfluss wie der Rektor der Humboldt-Universität in Staat und Partei hätte.

Am Morgen des 10. November nun begrüßte mich der Rektor zunächst mit höflicher Distanz, stellte mich auch anderen Berliner Rektoren vor, die sich in seinem Amtszimmer Unter den Linden zu einer Krisensitzung versammelt hatten. Ich begrüßte die Kollegen herzlich „in der Freiheit und der Demokratie“ - und eisiges Schweigen antwortete mir. Hass ließ mich dann von seinem Fahrer zum Grenzübergang Invalidenstraße zurückfahren, nachdem er zuvor immerhin meine Einladung zu einem Gegenbesuch in Dahlem akzeptiert hatte.

Mir ging es damals darum, die Hand auszustrecken: als Präsident der Freien Berliner Universität, die ja 1948 eine Gegengründung zur kommunistisch gelenkten Humboldt-Universität gewesen war. An eine Fusion mit der Humboldt-Uni habe ich nie gedacht: Ich war damals wie heute der Auffassung, dass Berlin nach der Sanierung der Humboldt-Uni Platz hat für zwei klassische Universitäten, die im Wettbewerb beste Ergebnisse erzielen können. Fotos: Tsp, Cinetext

Dieter Heckelmann war 1989 FU-Präsident, später Innensenator in Berlin. Der Jurist ist heute emeritiert.

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