Politik : Auf der Suche nach den Abtrünnigen

Mit der klaren Abgrenzung von den Freien Demokraten will die SPD Liberale gewinnen, die eine schwarz-gelbe Koalition ablehnen

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Von Robert Birnbaum

und Hans Monath

Im Kampf um die letzten noch nicht festgelegten Wähler nimmt die SPD ein neues Potenzial aufs Korn: Die „sozialliberalen“ FDP-Anhänger. Der Kanzler und SPD-Chef selbst führt die Kampagne an. „Nicht real“ sei die Aussicht auf ein Bündnis mit der FDP, sagt Gerhard Schröder der Illustrierten „Stern“. „Die FDP müsste sich sehr umschminken, wenn sie an den gemeinsamen Tisch kommen möchte“, assistiert sein Generalsekretär Franz Müntefering. Die von den Liberalen beschlossenen Mindestforderungen für eine Koalition führten „in eine andere Republik“. Besonders den Ruf der FDP nach drastischen Steuersenkungen nennt Schröder als Hindernis.

Hinter solchen harschen Worten steckt Kalkül. Zum einen sollen sie die eigenen Anhänger und die der Grünen noch einmal motivieren. Schon am Montag hatte Schröder dem Koalitionspartner Hilfestellung geleistet: Es seien die kleinen Parteien, „auf die es jetzt ankommt“. Zum anderen hat die FDP gerade noch einmal jede Koalitionsfestlegung abgelehnt – in der Hoffnung, Stimmen aus dem sozial- wie dem christdemokratischen Lager zu bekommen. Bisher ist die Rechnung aufgegangen: Je ein Drittel der potenziellen Neuwähler der FDP hat nach eigenem Bekunden vorher SPD oder Union gewählt. Auf das Drittel Ex-SPD-Anhänger zielt Schröders Vorstoß. Seine Botschaft lautet: Hofft nicht auf ein sozialliberales Bündnis – gebt eure Stimmen sicherheitshalber lieber mir. Eine Strategie, die die Union mit Blick auf ihre Abtrünnigen auch gerne verfolgen würde. Kanzlerkandidat Edmund Stoiber mahnt stets, wer den Politikwechsel sicherstellen wolle, müsse schon ihn wählen. Stoiber wirbt zugleich notgedrungen immer wieder um die Liberalen als Bündnispartner – er hat keinen anderen.

Bei der FDP werden derlei taktische Manöver sorgsam verfolgt. Aber die Parole aus dem Thomas-Dehler-Haus lautet seit Tagen: Nicht nervös machen lassen! Der Idee, ihrerseits noch mal die sozialliberale Karte spielerisch hervorzuholen, kann die FDP-Führung nichts abgewinnen: „Jeder Fingerzeig in die eine oder andere Richtung würde bestenfalls ein Nullsummen-Spiel“, heißt es. Parteichef Guido Westerwelle hält folglich eisern koalitionspolitischen Mittelkurs: Den Liberalen komme die Schlüsselrolle zu, behauptet Westerwelle: „Rot-Grün wird gehen. Und wenn Herr Schröder die Steuern nicht für neue Arbeitsplätze senken will, geht er mit."

Ob das Kalkül aufgeht, die FDP in ihre Lieblingsrolle als entscheidendes Gewicht auf der Waage zurückzubringen, erscheint angesichts der Umfragen freilich immer ungewisser. Infratest dimap hat am Montag die Bürger befragt – da lag die SPD auf einmal mit 39 Prozent vor der Union mit 38, während Grüne und FDP mit 7,5 und 8,5 Prozent unverändert dicht beieinander liegen. Die jüngste Emnid-Umfrage sieht SPD und Union bei 38 Prozent gleichauf und Grüne und FDP mit 7 und 8 Prozent ähnlich nahe. Infratest-Geschäftsführer Richard Hilmer räumt allerdings für sein Institut ein, dass der gemessene SPD-Wert vom TV-Duell am Sonntag übermäßig stark beeinflusst worden sein könnte. Am Freitag soll die letzte Umfrage vor der Wahl Klarheit schaffen.

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