Auf der Suche nach Normalität : Wahl in Honduras ist international umstritten 

Fünf Monate nach dem Staatsstreich in Honduras hat der konservative Oppositionskandidat Porfirio „Pepe“ Lobo am Sonntag die umstrittene Präsidentschaftswahl in dem zentralamerikanischen Land gewonnen.

Sandra Weiß

TegucigalpaLaut ersten offiziellen Ergebnissen, die nach der Auszählung von mehr als 60 Prozent der Stimmzettel in Tegucigalpa veröffentlicht wurden, kam der Kandidat der rechtsgerichteten Nationalpartei auf fast 56 Prozent der Stimmen. Nachwahlbefragungen hatten Lobos größten Herausforderer Elvin Santos vom rechten Flügel der liberal-konservativen Liberalen Partei (PL) mit rund 34 Prozent der Stimmen auf dem zweiten Platz gesehen.

Das Land ist in Aufruhr: Ein gestürzter Präsident verschanzt in der brasilianischen Botschaft, einer de facto auf Urlaub, und ein Haufen Anwärter aufs oberste Staatsamt – die Lage in Honduras ist unübersichtlich seit dem Sturz von Präsident Manuel Zelaya im Juni und den vergeblichen Vermittlungsversuchen der internationalen Gemeinschaft. Neuwahlen sollten am Sonntag einen Ausweg aus der Staatskrise aufzeigen – zumindest wenn es nach der Putschregierung geht, hinter der die Elite des Landes steht.Dagegen rief Zelaya, der nicht zur Wahl steht, seine Anhänger zum Boykott der Abstimmung auf.

„Die politischen und wirtschaftlichen Kosten der ganzen Krise sind immens, wir brauchen jetzt eine Rückkehr zur Normalität. Wahlen, die eine neue Regierung legitimieren, sind der beste Weg dafür“, sagt der Direktor des honduranischen Unternehmerverbandes, Antonio Tavel. „Die beiden aussichtsreichsten Kandidaten, Pepe Lobo von der Nationalen und Elvin Santos von der Liberalen Partei, gehören beide zur politischen Elite des Landes und unterscheiden sich programmatisch nicht wesentlich.“ Genau das stört Esteban Matamoros. Der Bauer aus dem Umland ist Tag für Tag in die Hauptstadt gekommen, um vor dem Kongress gegen den Staatsstreich zu demonstrieren. „In Honduras sind die Gesetze und die Verfassung von Reichen für Reiche gemacht, sie wollen ihre Privilegien nicht mit dem Volk teilen“, sagt er. Eine Erklärung, warum sein Präsident gestürzt wurde, hat er auch parat: „Er brachte billiges venezolanisches Öl und kubanische Ärzte ins Land und hat damit die Geschäfte der Oligarchie durchkreuzt.“ Etwas, was Tavira ganz anders sieht: „Zelaya war korrupt, hat sich ins Fahrwasser des venezolanischen Sozialisten Hugo Chavez begeben und gegen die Verfassung verstoßen, um an der Macht bleiben zu können. Seine Absetzung war legal, wenngleich seine Verfrachtung außer Landes es vielleicht nicht war.“ Eine Interpretation, die in Honduras durchaus Anhänger hat; der Rest der Welt verurteilte jedoch den Bruch der verfassungsmäßigen Ordnung.

Auch auf den Mauern um den Kongress prangen Sätze wie „raus mit den Putschisten“ und „nein zur Wahlfarce“. Rund 100 Leute haben sich kurz vor der Wahl eingefunden, jeder, der möchte, kann seinem Unmut Luft machen. „Das ist der einzige Ort, an dem wir uns versammeln dürfen, Demonstrationsmärsche verbieten sie uns“, klagt der Automechaniker Miguel Angel Murillo. Seit mehr als 150 Tagen geht er auf die Straße, um gegen Zelayas Sturz zu protestieren.

Während Länder wie die USA, Kolumbien, Peru und Panama die Wahlen anerkennen wollen und andere Staaten wie Brasilien, Venezuela und Argentinien das vehement ablehnen, haben sich die Europäer noch nicht geäußert. „Das wird von der Wahlbeteiligung abhängen, vom Verlauf des Wahltages, der Glaubwürdigkeit der Ergebnisse und von der Entscheidung des Kongresses, der am Mittwoch über die Wiedereinsetzung Zelayas beraten soll“, sagt ein europäischer Diplomat. Unabhängige Beobachter sind allerdings nicht vor Ort. Letztlich werde das realpolitische Kalkül siegen, meint der Politologe Ruben Aguilar. „Und das läuft darauf hinaus, dass die neue Regierung anerkannt wird.“ 

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