Politik : Auf der US-Base verschwunden

Der BND-Untersuchungsausschuss versucht zu klären, was mit dem Ägypter Khafagy geschah

Sarah Kramer

Berlin - Auf diesen Donnerstag hat der Münchner Rechtsanwalt Walter Lechner lange gewartet. Es ist der Tag, an dem sein Mandant, der in München ansässige ägyptische Verleger Abdel Halim Khafagy, vor dem BND-Untersuchungsausschuss als Zeuge gehört wird. Was dem inzwischen 76-Jährigen Ende September 2001 in Sarajevo (Bosnien-Herzegowina) widerfahren ist, erinnert in vielen Details an die Schicksale des Türken Murat Kurnaz und des Deutsch-Libanesen Khaled al-Masri. Wie sie wurde Khafagy nach eigenen Angaben auf einer Auslandsreise von bewaffneten und maskierten Männern entführt, misshandelt und über einen längeren Zeitraum auf einem US-Militärstützpunkt festgehalten.

Im Fall Khafagy war das ein Gefängnis auf der Eagle Base, einer Militärbasis der Bosnien-Schutztruppe SFOR in Tuzla. Al-Masri wurde 2003 in Mazedonien entführt und anschließend nach Afghanistan geflogen. Kurnaz wurde im Herbst 2001 in Pakistan festgesetzt und später über Afghanistan ins US-Lager für Terrorverdächtige nach Guantanamo gebracht, wo er bis August 2006 inhaftiert war. Khafagy wurde in sein Geburtsland Ägypten ausgeflogen, von wo aus er schließlich nach Deutschland zurückkehrte – nach Aussage seines Anwalts „als gebrochener Mann“. Der Untersuchungsausschuss versucht nun herauszufinden, inwiefern und wann deutsche Behörden über den Fall informiert waren – oder sich gar aktiv an Khafagys Festsetzung beteiligten.

Der Entführte selbst schilderte am Donnerstag im Zeugenstand, wie sich in der Nacht zum 25. September 2001 „eine ganze Armee“ bewaffneter Uniformierter mit Vorschlaghämmern Zutritt zu seinem Hotelzimmer in Sarajevo verschaffte. Anschließend sei ihm mit Gewehrkolben ins Gesicht geschlagen worden. Daraufhin wurde er per Hubschrauber zur Eagle Base nach Tuzla gebracht. „Ich hatte immer Angst“, berichtete Khafagy über den Aufenthalt auf der Militärbasis, bei dem er meist auf Englisch verhört wurde. Dabei ließen die Befrager ihren Gefangenen über den Grund für seine Entführung völlig im Unklaren.

Auch Khafagys Anwalt Lechner wartete lange Zeit vergeblich auf die Beantwortung dieser Frage. Er versuchte vor dem Untersuchungsausschuss zu belegen, wie er im Herbst 2001 auf der Suche nach seinem verschwundenen Mandanten von deutschen und ausländischen Stellen „in unerträglicher Weise hingehalten“ wurde. Erst nach tagelanger Recherche habe er schließlich ein Fax aus Tuzla erhalten, in dem die Festnahme von Khafagy mit dem Verweis bestätigt wurde, der Verleger religiöser arabischer Schriften stelle für Bosnien-Herzegowina ein Sicherheitsrisiko dar. Beim Versuch, zu dem Ägypter in Tuzla vorzudringen, habe er irgendwann auch einen deutschen SFOR-Soldaten am Telefon gehabt. „Ich hatte das Gefühl, dass er etwas wusste und mir helfen wollte, aber nicht durfte“, so Lechner. An den Namen seines Gesprächspartners kann sich der Anwalt nicht erinnern – wohl aber an dessen fränkischen Akzent. „Er hat mir gesagt, dass die Deutschen bei den Amerikanern nichts zu melden haben“, berichtete Lechner.

Für Untersuchungsausschuss-Mitglied Max Stadler (FDP) zeigt der Fall Khafagy zum einen, dass es bei den deutschen Behörden „große Unsicherheit“ gegeben hat. Und zum anderen sei deutlich geworden, dass es auch in Deutschland bereits im Herbst 2001 jemanden gegeben haben muss, der von den Entführungspraktiken der Amerikaner wusste.

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