Politik : Auf Distanz zum Märtyrer

Nach dem Tod von Abu Abbas: Palästinenser üben Zurückhaltung

Andrea Nüsse[Amman]

Der Tod des Palästinenserführers Abu Abbas in einem US-Gefängnis im Irak hat die Erinnerungen an ein vergangenes Kapitel des palästinensischen Kampfes für einen eigenen Staat wieder aufleben lassen. Der frühere Führer der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF) galt als Drahtzieher der Entführung des Kreuzfahrtschiffes „Achille Lauro“, bei der 1985 der Amerikaner Leon Klinghoffer getötet wurde. Der an den Rollstuhl gefesselte Jude wurde erschossen und anschließend über Bord geworfen. Danach gaben die Entführer auf.

Wenige Jahre später beendeten die Abkommen von Oslo derart spektakuläre Angriffe, auf die sich die PLF spezialisiert hatte. Palästinenserpräsident Jassir Arafat ehrte den Verstorbenen, der lange Mitglied des PLO-Zentralkomitees gewesen war, als „kämpferischen Märtyrer“, der sein Leben in den „Dienst seines Volkes und Landes“ gestellt habe. Die palästinensischen Abgeordneten legten vor ihrer Sitzung eine Schweigeminute zum Gedenken an Abu Abbas ein.

Doch die PLO-Führung versuchte gleichzeitig, eine gewisse Distanz zu diesem Kapitel ihres Kampfes zu wahren. So hielt sie sich mit Anschuldigungen gegen die USA wegen der Umstände des Todes von Abu Abbas zurück. Ein PLO-Sprecher in Bagdad erklärte lediglich, man fordere eine internationale Untersuchung. Nach US-Angaben war der 55-Jährige am Dienstag eines natürlichen Todes gestorben. Ein PLF-Sprecher in Beirut und die Witwe des Verstorbenen dagegen machten die USA verantwortlich. Seit zehn Tagen habe man dem Gefangenen die Medikamente verweigert, die er wegen seiner Herz- und Blutdruckprobleme benötigte.

Abu Abbas, 1949 in einer Flüchtlingsfamilie in Syrien geboren, war am 14. April von US-Truppen im Irak festgenommen und seither ohne Anklage an unbekanntem Ort im Irak festgehalten worden. Abu Abbas war 1995 in Italien wegen der Achille-Lauro-Entführung in Abwesenheit zu fünfmal lebenslänglich verurteilt worden. Die Palästinenserführung forderte nach Abu Abbas’ Festnahme seine Freilassung unter Verweis auf ein 1995 zwischen Israel und den Palästinensern geschlossenes Immunitätsabkommen.

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