Politik : Auf eigene Faust

Hingehen, „wo die Sauereien sind“: Blüm, Neudeck und Wallraff kämpfen für die Menschenrechte

Christian Böhme

Ihre selbst gestellte Aufgabe ist riskant. Es könnte sogar manchmal gefährlich werden. Viele Freunde werden sich die drei Männer wohl auch nicht machen. Manch einer wird sie gar belächeln. Darüber sind sich Norbert Blüm, Rupert Neudeck und Günter Wallraff im Klaren. Doch abschrecken kann sie diese Aussicht nicht. Der ehemalige Arbeitsminister, der einstige Chef der Hilfsorganisation Cap Anamur und der Journalist sind fest entschlossen: Sie wollen gemeinsam auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen. Überall.

„Wir reisen dorthin, wo Menschen in Not leben, gefoltert werden oder vom Tode bedroht sind und die Welt wegschaut“, sagt Wallraff. Das Schreckliche dürfe nicht vergessen werden. Sein Mitstreiter Blüm ist da noch deutlicher: „Wir gehen dahin, wo die Sauereien sind. Das gilt für unsere Freunde wie für unsere Gegner.“ Denn eines steht für den unbequemen CDU-Politiker fest: „Wer nichts zu verbergen hat, lässt seine Tür offen.“ Doch der überzeugte Christ Blüm warnt auch davor, alle westlichen Vorstellungen von Menschenrechten als Exportschlager verkaufen zu wollen. Sein Grundnenner ist daher einfach: „Alle Menschen sind Kinder Gottes. Keiner darf gequält werden.“

Das Männertrio will aber nicht nur Öffentlichkeit schaffen. Es möchte auch bedrohten Menschen konkret helfen. „Wenn es uns gelingt, zum Beispiel einem Einzelnen Asyl zu verschaffen oder Hilfsaktionen anzuregen, dann wäre das schon ein Erfolg“, findet Wallraff. Die dafür nötigen Erfahrungen und vor allem Kontakte bringt Neudeck mit.

Doch Menschenrechtsarbeit ist mühsam. Diese Erfahrung haben Blüm, Neudeck und Wallraff gerade bei ihrem ersten gemeinsamen Einsatz machen müssen. Am Dienstag scheiterten sie bei dem Versuch, über Moskau in das Grenzgebiet zwischen Tschetschenien und Inguschetien zu reisen. Dort wollten sich die drei über die katastrophale Lage in den Flüchtlingslagern informieren. Auch eine Fahrt in das völlig zerstörte Grosny war geplant. Doch dazu kam es nicht.

Gleich nach ihrer Ankunft auf dem Moskauer Flughafen wurden die Deutschen von russischen Sicherheitskräften aus der Warteschlange ausgesondert. Man führte sie in einen Verhörraum und forderte sie auf, sofort das Land wieder zu verlassen. Ihnen müsse wegen Visa-Vergehen die Einreise verweigert werden. Ein Vorwand, glaubt Wallraff. Die Papiere seien in Ordnung gewesen. „Die russische Regierung wollte nur nicht, dass wir über Mord und Willkür in Tschetschenien berichten.“ Überhaupt sei das Gespräch in schroffem Ton geführt worden. Den Kontakt zur deutschen Botschaft hätten die Polizisten ebenso verweigert wie den Gang zur Toilette. Alle Proteste gegen die unfreundliche Behandlung halfen jedoch nichts. Blüm, Neudeck und Wallraff mussten unverrichteter Dinge nach Köln zurückfliegen. Ein Skandal, schimpft Neudeck. Einer, der am Montag auch Außenminister Joschka Fischer beschäftigen wird.

Entmutigt ist das Trio aber nicht. Tschetschenien, wo „nach Zeugenaussagen die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen weltweit begangen werden“ (Wallraff), bleibt ihr Thema Nummer eins. „Man darf nicht gleich bei der ersten Niederlage aufgeben“, sagt Blüm. Das weiß er aus eigener Erfahrung. Vor Jahren war ihm mal die Einreise ins kommunistische Polen verwehrt worden. Einige Zeit später war Blüm dann doch da. Überhaupt haben er und seine Freunde viel Erfahrung im Kampf für die Menschenrechte. Gerade der CDU-Politiker hat sich damit oft unbeliebt gemacht. Als Arbeitsminister kritisierte er öffentlich Chiles Diktator Pinochet. Und vor kurzem nannte er Israels Vorgehen gegen die Palästinenser einen „Vernichtungskrieg“. Wallraff hat 1974 in Griechenland am eigenen Körper erfahren, was Folter bedeutet. Auch da hat Blüm Rabatz gemacht. Ja, die drei kennen und schätzen sich. Sudan, Kosovo, Nordkorea, Afghanistan – dort waren sie schon in Sachen Menschenrechte tätig. Aber erst vor gut zwei Monaten kamen sie am Telefon überein, künftig gemeinsam „dem Teufel vor die Hütte zu ziehen“.

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