Politik : Auf eigene Faust

Bei der Beerdigung des ermordeten Schiitenführers Hakim schwören seine Anhänger Rache – auch den USA

Andrea Nüsse[Amman]

Tausende Schiiten hatten Ajatollah Mohammed Bakir al Hakim im Mai bei seiner Rückkehr aus dem iranischen Exil freudig begrüßt. Am Sonntag verabschiedeten sich zehntausende Trauernde in Bagdad von dem Führer des Obersten Rates der Islamischen Revolution im Irak (Sciri), der bei einem Bombenanschlag am Freitag in Nadschaf getötet worden war. In den Straßen im wohlhabenderen schiitischen Stadtteil Al-Kathimiyya in Bagdad gab es kein Durchkommen, als der Sarg des 64-Jährigen um die gleichnamige Backsteinmoschee mit der türkisfarbenen Kuppel getragen wurden. Der Sarg war bedeckt von einem schwarzen Tuch sowie einer grünen Fahne, der Farbe des Islam, sowie einer irakischen Flagge.

Darauf lagen weiß-rote Blumengestecke, an der Vorderseite prangte ein Photo des meist milde lächelnden Geistlichen mit den großen Adleraugen. Immer wieder versuchten Gruppen von Männern einen Kreis zu bilden, um sich selbstgeißelnd auf die Brust zu schlagen. Schwarz verschleierte Frauen schlugen sich auf den Kopf, um ihren Schmerz auszudrücken. Das vorherrschende Gefühl war Trauer.

Doch es waren auch Rufe nach „Rache" für die Ermordung al Hakims und der übrigen Opfer zu hören, die bei dem Anschlag am Eingang der Imam-Ali-Moschee in Nadschaf starben. Viele Trauernde machten Saddam Hussein und seine Gefolgsleute für den Anschlag auf den Mann, der im Teheraner Exil auf den Sturz des Diktators hingearbeitet hatte, verantwortlich. „Wir werden keinen Frieden haben, bis wir Rache für unsere Märtyrer bekommen", stand auf einem Transparent, das über eine Straße gespannt war. Doch der Zorn richtete sich auch gegen die USA: „Die Besatzungsmacht ist verantwortlich für Sicherheit und all das heilige Blut, das in Nadschaf, Bagdad, Mossul und allen irakischen Provinzen geflossen ist", rief einer der Prediger über Lautsprecher der Menge zu.

Der Anschlag von Nadschaf ist nicht nur der weitaus schwerste in Irak seit Kriegsende. Zeitpunkt und Ort haben die Emotionen der Schiiten besonders aufgewühlt: Der Anschlag wurde am muslimischen Feiertag am Ende des gemeinsamen Freitagsgebets verübt und zwar am Eingang des wichtigsten Heiligtums der Schiiten weltweit.

Sollte sich bestätigen, dass Mitglieder der Sunniten an dem Anschlag beteiligt waren, könnte das Verhältnis der Schiiten zur sunnitischen Minderheit erheblich gestört werden. Es besteht zudem die Gefahr, dass immer mehr Gruppen ihre Sicherheit in ihre eigenen Hände nehmen. So haben die Anhänger Moktadar al Sadrs am Sonnabend damit begonnen, Straßensperren in der Nähe des Wohnhauses ihres Anführers in Nadschaf aufzustellen. Am Sonntag töteten zwei seiner Bodyguards an einer solchen Straßensperre zwei Iraker, weil diese ihren Wagen nicht anhalten wollten. Nach Angaben von Agenturen glaubten die Insassen, es handele sich um eine von Räubern errichtete Sperre und gaben Gas.

Die Ereignisse könnten vor allem den hitzköpfigen Moktadar al Sadr stärken, der vom Ruhm seines 1999 ermordeten Vaters lebt, der Großayatollah Iraks war. Er lehnt jeden Kontakt mit den Amerikanern ab, seine Anhänger verteilen teilweise in Universitäten Flugblätter, auf denen ein Gespräch oder ein Händeschütteln mit einem Amerikaner als Sünde bezeichnet wird. Moqtadars Ruf nach einer Konfrontation mit den Amerikanern könnte jetzt mehr Gehör finden.

Darum warnte der ehemalige Chef des US-Zentralkommandos, Anthony Zinni, vor der „Möglichkeit eines Bürger- und Religionskrieges“ in Irak. „Wir stecken in einem Rennen gegen die Zeit“, sagte der US-Militär der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“. „Die Vereinigten Staaten verfügen weder über genügend Ressourcen noch über genügend Männer, um die Sicherheit in Irak zu gewährleisten.“ Notwendig sei eine „massive Intervention der internationalen Gemeinschaft“, forderte der ehemalige Nahost-Sondergesandte der US-Regierung. Die USA und die Europäer in Irak müssten von moslemischen Staaten unterstützt werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar