Politik : Auf Grund eines NS-Gesetzes soll die Russisch-Orthodoxe Gemeinde ihr Haus verlieren

Michael Bartsch

"Das können wir an dieser Demokratie nicht begreifen, dass sie Hitler-Gesetze fortgelten lässt!" Nach der Urteilsverkündung am Mittwochmorgen herrscht auf dem Flur des Dresdner Landgerichts jene slawische verhaltene Verbitterung, die auch in der aussichtslosesten Situation eine Art Überlebensgrimm entwickelt. Zunächst einmal hat nach neunjährigem Rechtsstreit die etwa tausendköpfige Russisch-Orthodoxe Gemeinde in Dresden ihre Kirche mit den blauen Zwiebeltürmen an die so genannte Auslandskirche in München verloren. Ein in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands einmaliger Vorgang, ein "Rückfall ins Mittelalter", wie ein benachbarter evangelischer Pfarrer kommentierte. Für "Otjez Georgi", den seit 1984 in Dresden amtierenden Erzpriester Georgi Dawydow, ist dies ein "besonders trauriger Tag für die Kirche überhaupt". Schon vor zwei Jahren hatte der Bundesgerichtshof in letzter Instanz das Eigentumsrecht der Orthodoxen Auslandskirche bestätigt.

Nun war in erster Instanz auch deren Räumungsklage erfolgreich. Ausdrücklich begründet mit der Fortgeltung eines Überschreibungsaktes aus dem Jahre 1939. Die absurde Situation "Gemeinde ohne Kirche - Kirche ohne Gemeinde" ist letztlich auf die Spaltung der Russisch-Orthodoxen Kirche infolge der Fluchtbewegung nach der Oktoberrevolution zurückzuführen. Die Moskauer Kirchenleitung fasste daher 1920 den Beschluss, der Diaspora-Auslandskirche vorübergehend Autonomie zu verleihen. Nach Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit des Patriarchats und vor allem der Freiheit der Kirche sollte umgehend eine Wiedervereinigung erfolgen. Sie blieb allerdings eine Illusion, weil sich auch die Auslandskirche zu spalten begann. Zwei Hauptlinien zeichneten sich ab, die eine eher westeuropäisch orientiert unter Metropolit Eulogius in Paris, die zweite über das Osmanische Reich einströmend, zumeist Weißgardisten und straff monarchistische Wrangel-Versprengte. Letztere konstituierten 1935 im serbischen Sremski Karlovci die Auslandskirche mit der Diözese des Bischofs von Berlin und Deutschland. Deren Sympathien und Ergebenheitsadressen für Nazideutschland wurden auf folgenschwere Weise belohnt. Zunächst verlieh ihr Göring 1936 den bisher versagten Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Hitler erließ 1938 ein Ermächtigungsgesetz, nach dem der Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten Kerrl die Eigentumsverhältnisse an den russischen Kirchengrundstücken neu zu regeln hatte. Das tat er denn auch in der Weise, dass der russische Grundbesitz der neuen Berliner orthodoxen Diözese der Auslandskirche überschrieben wurde. Die Dresdner Kirche nahm insofern eine Sonderstellung ein, als sie nicht dem Moskauer Patriarchat unterstellt war, sondern sich im Eigentum der nach dem Stifter Wikulin 1872 so benannten Stiftung befand. Dennoch wurde sie 1939 enteignet, die Stiftung aufgelöst.

Im Oktober 1999 allerdings entdeckte das Dresdner Regierungspräsidium dabei einen Formfehler und erklärte das formelle Fortbestehen der Stiftung. Ein Umstand, der der Gemeinde noch dienlich sein könnte. Der Befehl Nr. 82 der Sowjetischen Militäradministration gab 1948 zwar enteignetes kirchliches Eigentum den früheren Besitzern zurück. Was aber schlichtweg vergessen wurde, war eine Revision des Grundbuches. Erst zu Modrow-Zeiten versuchte 1990 der Berliner Bischof Feofan im Moskauer Auftrag einen Grundbuch-Eintrag und zog sich prompt eine Klage der Auslandskirche zu.

Das deutsche Bistum unter Bischof Mark hat seinen Sitz in München und in Ostdeutschland praktisch keine Anhänger. Es lehnt jede Wiedervereinigung mit dem Moskauer Patriarchat ab. Seit neun Jahren wird nun um die Herausgabe der Immobilie prozessiert. Erzpriester Dawydow vermutet aber nicht allein materielle Interessen der Münchner. Es gehe auch darum, gegenüber Moskau Terrain zu gewinnen.

Doch die Dresdner Gemeinde ist nicht ohne Hoffnung. Parallel läuft ein Restitutionsverfahren zur Wiedereinsetzung der alten Wikulin-Stiftung als Eigentümerin. Mit einer vorläufigen Aussetzung der Räumungs-Vollstreckung gegen 100 000 Mark Sicherheitsleistung hat das aktuelle Urteil außerdem eine goldene Brücke gebaut. Für den Dresdner Anwalt Peter Kraus ein Zeitgewinn nicht nur für die Berufung. Denn nach einjähriger Bearbeitungsdauer hat der Petitionsausschuss des Bundestages vor zwei Wochen überraschend mitgeteilt, dass die Aufhebung des Nazi-Unrechts in Landeskompetenz liege. Sachsens Landtagspräsident Erich Iltgen hat sich daher an die Staatsregierung gewandt und um eine entsprechende Gesetzesinitiative gebeten. "Erst wenn das Hitlersche Ermächtigungsgesetz vom Tisch ist, wird in der Gemeinde wieder Ruhe einziehen", seufzt ein Gemeindevorstandsmitglied.

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