Politik : Auf gute Partnerschaft Von Alfons Frese

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In der Begeisterung hat Gerhard Schröder den Mund ein bisschen voll genommen. Die Einigung bei DaimlerChrysler werde der gesamten Konjunktur auf die Sprünge helfen, glaubt der Bundeskanzler. Da ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Doch die Freude des Automanns Schröder ist berechtigt. Denn in einem Kraftakt haben sich Konzernführung, Betriebsräte und IG Metall auf einen Interessenausgleich verständigt, der drei Botschaften trägt: Die Industrie hat in Deutschland Zukunft. Die Sozialpartnerschaft funktioniert. Die Arbeitnehmer akzeptieren, dass es nicht immer nur nach oben geht.

Die Daimler-Beschäftigten verstehen sich als Speerspitze der Arbeiterbewegung; dieser Rolle sind sie gerecht geworden. Sie haben keinen Eingriff in die Tarifverträge gestattet, haben sich keinem Druck gebeugt – nur der Wirklichkeit. Sie arbeiten auch künftig zumeist 35 Stunden, und sie können sich weiterhin nach jeder Stunde für fünf Minuten ausruhen, sofern sie am Fließband stehen und ständig die gleichen Handgriffe wiederholen. Aber sie verzichten auf Lohnsteigerungen oder müssen sogar Geld abgeben, wenn sie in einer Dienstleistungssparte des Konzerns arbeiten.

Von den jungen Kollegen kann zukünftig verlangt werden, dass sie zum Beispiel von Stuttgart nach Bremen umziehen, weil im dortigen Mercedes-Werk mehr zu tun ist als in Stuttgart. Das geht nicht anders. Wenn die Arbeitnehmer ihren Lohn behalten und nicht länger arbeiten wollen, dann kommen sie um einen flexibleren Einsatz nicht herum. Bei vielen Aufträgen wird eben viel gearbeitet und umgekehrt. Diesen Trend bildet der Kompromiss von Stuttgart ab, der Konzern wird beim Personaleinsatz flexibler.

500 Millionen Euro gegen 6000 Arbeitsplätze – das war der Deal. Den Autobauern ist der Verzicht durchaus zuzumuten. Sie verdienen in Sindelfingen gutes Geld und werden auch künftig noch deutlich über dem Niveau des normalen Metalltarifs liegen. Und Daimler-Chrysler macht mit den 500 Millionen einen Schritt Richtung profitabelster Autohersteller; bis 2008 will Jürgen Schrempp dieses Ziel erreicht haben. Dazu braucht er motivierte Mitarbeiter. Deren Einsatz im Poker der vergangenen Wochen hat sich gelohnt: Bis 2012 gibt es keine betriebsbedingten Kündigungen. Damit wurde dem Konzern eine Zusage abgetrotzt, die in der deutschen Unternehmenslandschaft ziemlich einzigartig ist. Ein Geben und ein Nehmen, und am Ende sind alle zufrieden – so funktioniert Sozialpartnerschaft. Aber sie hat in diesem Fall auch deshalb so gut funktioniert, weil die Daimler-Belegschaft stark ist. Und notfalls zum Konflikt bereit.

Das gilt auch für die 100000, die in Deutschland für VW arbeiten. Der Konflikt bei Daimler-Chrysler war läppisch im Vergleich zu dem, was im September in Wolfsburg ansteht. Dann wird über das Ziel der VW-Führung verhandelt, die Arbeitskosten um 30 Prozent zu reduzieren. Ein Drittel weniger Geld? So schlicht liegen die Dinge nicht. In Wolfsburg wird es ein vielschichtiges Abkommen geben, aber eben auch mit längerer Arbeitszeit, weniger Geld, mehr Flexibilität und garantierten Arbeitsplätzen. Der Bundeskanzler hat seine Erleichterung über den Daimler-Deal mit einer Art Appell ergänzt. Er sei „sicher“, dass die VW-Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluss führen. Diese Sicherheit ist berechtigt, weil auch bei VW die IG Metall stark ist. Und wenn ebenbürtige Partner einander gegenübersitzen, wird keiner über den Tisch gezogen – zur allgemeinen Zufriedenheit.

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