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Von Christian Böhme

In der FDP ist man sich einig. Der Konflikt mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland muss auf jeden Fall entschärft werden. So schnell wie möglich. Ein Gespräch muss her, das nun auch (wohl nicht zuletzt auf Druck von Hans-Dietrich Genscher) VizeChef Jürgen Möllemann befürwortet. Die neueste Idee: Wenn nötig, soll ein Vermittler helfen. Doch der Zentralrat hält nichts von den bisherigen Versuchen der FDP, das angeknackste Verhältnis zumindest politisch wieder einzurenken. „Untauglich" ist noch eine der milderen Charakterisierungen.

Denn eines steht für die Führungscrew um Präsident Paul Spiegel fest: Erst wenn Möllemann in die Schranken gewiesen wird oder dieser sich unmissverständlich für seine Äußerungen entschuldigt, ist man bereit, sich mit der FDP-Spitze wieder an einen Tisch zu setzen. Zu viel sei in den vergangenen Wochen passiert. Daran ändere auch Guido Westerwelles Reise nach Israel nichts. Im Gegenteil, im Zentralrat hat man mit Unbehagen zur Kenntnis genommen, dass dessen Wortwahl dort eine viel moderatere war als in Deutschland. Der Glaubwürdigkeit des Chefs der Freien Demokraten hat das aus Sicht vieler deutscher Juden eher geschadet. Von Mogelpackung ist die Rede.

Dennoch ist der Zentralrat weit davon entfernt, die FDP als Ganzes zu verdammen. Mit großer Befriedigung wurde registriert, dass sich neben anderen auch viele liberale Politiker wie Otto Graf Lambsdorff, Wolfgang Döring oder Sabine Leutheusser-Schnarrenberger klar von Möllemann und seinem Taktieren mit dem Rechtspopulismus distanziert haben. Skeptisch ist man aber, ob dies wirklich Einfluss auf den FDP-Vize haben wird.

Die Affäre Möllemann hat jedoch aus Sicht des Zentralrats noch etwas anderes Ernüchterndes, ja Beklemmendes gezeigt: Vom Aufstand der Anständigen ist nichts zu sehen. Viele Anti-Möllemann-Stellungnahmen von Politikern waren spät gekommen und im Ton zunächst doch recht verhalten. „Wo bleibt der gesellschaftliche Aufschrei?“, fragt ein Präsidiumsmitglied.

Dieser fehlende Aufschrei hat viele in den jüdischen Gemeinden verunsichert und deprimiert. Sie fragen sich, ob der jahrzehntelange Dialog zwischen Juden und Nichtjuden wirklich erfolgreich war. Mehr als 340 E-Mails sind in den vergangenen Tagen beim Zentralrat zum Thema Möllemann eingegangen. 95 Prozent der Absender loben den „Mut" des nordrhein-westfälischen FDP-Chefs – für die jüdischen Gemeinden ein verstörendes Stimmungsbild.

Doch an Aufgeben denkt kaum einer. Und der Zentralrat gibt sich kämpferisch. Von denen, die um jeden Preis 18 Prozent der Wählerstimmen haben wollen, will man sich nicht die ganze Arbeit kaputt machen lassen.

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