Politik : Auf Kosten der Kleinen

Nach der Reform sank die Zahl der Kinderarztbesuche drastisch – obwohl hier gar keine Praxisgebühr droht

Rainer Woratschka

„Erschreckend“ seien die Zahlen, sagt Wolfram Hartmann. Um sechs bis zwölf Prozent hätten die Besuche bei Kinderärzten im ersten Quartal 2004 abgenommen. Und das, meint der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, habe „nichts mit dem Ausbleiben der Grippewelle zu tun“. Durch Infektionen habe es in den vergangenen sieben Jahren nur Schwankungen von zwei bis fünf Prozent gegeben. Der Rückgang sei fraglos der Gesundheitsreform geschuldet, sagt Hartmann, „die Eltern sind verunsichert“. Viele wüssten offenbar nicht, dass für Minderjährige weder Praxisgebühr noch Arzneizuzahlungen anfallen. Kassen und Gesetzgeber müssten Aufklärungsaktionen starten.

Das Ministerium reagierte stante pede und wies am Freitag per Pressemitteilung erneut auf die Ausnahmeregelungen hin (siehe Kasten). Ein Informationsdefizit gebe es nicht, beharrt eine Sprecherin gleichwohl – und verweist darauf, dass man sogar mit Plakaten in den Kinderarztpraxen aufgeklärt habe. Anders als bei der sinkenden Zahl von Haus- und Facharztbesuchen, die das Ministerium als Reformerfolg feiert, ist das Minus hier keineswegs gewollt. Man müsse sich aber genauer ansehen, was es mit dem Rückgang auf sich habe, sagt die Sprecherin. Rätselraten auch im Büro der Patientenbeauftragten. „Was sollen wir noch tun“, klagt ein Mitarbeiter, „wir gehen doch jetzt schon gebetsmühlenartig durchs Land“. Offenbar sei das Verhalten mehr auf allgemeine Verunsicherung zurückzuführen als auf fehlendes Detailwissen.

Auch die Kassenarztlobby ist überrascht. Mit dem Rückgang bei anderen Ärzten hatte man gerechnet. Auf sieben bis neun Prozent kamen die Hausärzte im ersten Vierteljahr, auf zehn bis 13 Prozent die Fachärzte. Am stärksten traf es Gynäkologen, Orthopäden und Hautärzte; in Berlin kamen Letztere auf ein Minus von 21,7 Prozent. Doch wegen des Vorzieheffekts seien die Zahlen wenig verlässlich, sagt Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Im letzten Quartal 2003 seien die Praxen wegen der anstehenden Reform ja „schier gestürmt“ worden. Spannend sei jetzt, wie sich die nächsten beiden Quartale entwickeln, sagt Stahl: ob sich der Rückgang verfestigt, ob er sich auf die Zahl ärztlicher Leistungen auswirkt – „und wer aus welchen Gründen wegbleibt.“

Bei den Kinderärzten aber sei das Minus „wirklich beunruhigend“ – weil weder auf Praxisgebühr noch Vorzieheffekt zurückzuführen. Offenbar verzichteten Eltern aus unteren Einkommensgruppen nur aus der vagen Angst vor Zuzahlungen auf nötige Arztbesuche ihrer Kinder, sagt der KBV-Sprecher. „Es gibt wohl einige, die vor dem für sie nicht mehr durchschaubaren Konglomerat aus finanziellen Belastungen kapitulieren.“ Stahls Zahlen sind harmloser als die des Verbands, aber in der Tendenz vergleichbar: Um bis zu sieben Prozent seien die Kinderarztbesuche zurückgegangen, so die Rückmeldung aus elf der 23 Kassenärztlichen Vereinigungen.

Noch drastischer übrigens sind die Rückgänge beim Impfen. Die Dreifach-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln etwa sei im Quartalsvergleich um bis zu 30 Prozent seltener verabreicht worden, so der Kinderärzteverband. Experten werten diese Entwicklung als „gefährlich“. Gegen Masern waren in Deutschland nach einer Studie schon im Vorjahr nur 90 Prozent der Kinder einmal und 30 Prozent zweimal geimpft. Obwohl es sich bei der Krankheit um die „weltweit häufigste impfpräventable Todesursache bei Kindern“ handelt – und der Schutz kostenlos ist.

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