Politik : Auf Kurs nach Norden

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Von Robert Birnbaum

Was ist der Unterschied zwischen Fußball und Politik? Beim Fußball ist ein Heimspiel leichter zu gewinnen. In der Politik ist es nicht zu verlieren, und in Bayern schon gar nicht. Der Kleine Parteitag der CSU an diesem Sonnabend in Fürth wird also den Kanzlerkandidaten und Parteichef Edmund Stoiber frenetisch bejubeln, auch wenn der bloß eine Rede hält, die so sanft und unverbindlich bleibt wie alle seine Kandidaten-Reden.

Diesen Ablauf diktiert die Logik des Wahlkampfs. Der CSU-Chef Stoiber muss um des Kanzlerkandidaten Stoiber Willen auf nahezu all jene ländlich-sittlichen Textpassagen verzichten, die CSU-Parteitage früher auszeichneten. Das Klischeebild von der Lederhosen-Partei stimmt seit Jahren nicht mehr – aber nie wird es so wenig gestimmt haben wie diesmal. Dass das seine Partei irritieren könnte, muss der Kandidat nicht befürchten. Zum einen, weil die CSU ihren Vorsitzenden schon in einigen der Rollen kennt, in denen ihn eine milde erstaunte Republik gerade erst kennen lernt: als sorgenden Landesvater und Sachwalter der kleinen Leute zum Beispiel. Zum anderen, weil die versammelten Parteifunktionäre natürlich verstehen, weshalb der andere Stoiber – der bayerisch-patriotische, Europa-skeptische, konservativ-populistische – bis auf weiteres nicht mehr im Programm geführt wird.

Diese wahltaktische Aufstellung verdeckt allerdings, dass die CSU tatsächlich vor der Möglichkeit einer sehr grundlegenden Wandlung steht. Die Bayern-Partei hat seit Anbeginn einen beträchtlichen Teil ihres Selbstverständnisses aus der Abgrenzung zur großen Schwester gezogen. Das pubertäre Muskelspiel, die „Mir san mir"-Rhetorik, die Rede von der CSU als dem „Motor“ der Union – das hat nach innen wie nach außen stets das Gefühl großer Eigenständigkeit verbreitet.

Es könnte nun aber geschehen, dass der Kleine Parteitag in Fürth im Nachhinein als derjenige in die Geschichte eingeht, der den Anfang vom Ende dieser Sonderrolle markiert. Das gilt vor allem dann, wenn Stoiber tatsächlich gewinnt.

An der Basis der CSU wie im konservativen CDU-Milieu herrscht ja oft noch die augenzwinkernd vorgetragene Überzeugung, wenn der Bayer erst an der Macht sei, werde wieder der „wahre“ Stoiber zum Vorschein kommen. Aber nach dem 22. September ist ein dramatischer Rollenwechsel kaum möglich. Erstens haben Wähler vielleicht ein kurzes Gedächtnis, werden dafür aber durch erste Eindrücke sehr nachhaltig geprägt – man frage nur mal Gerhard Schröder nach dem Stichwort „Brioni". Wer länger als vier Jahre regieren will, muss ab dem Tag nach seiner Wahl an die nächste denken. Zweitens wäre Stoiber als Regierungschef noch viel mehr auf die CDU angewiesen als heute schon – und zwar auf die CDU in allen ihren Teilen. Vom jeweiligen Koalitionspartner zu schweigen.

Man kann es ein bisschen holzschnittartig so ausdrücken: Ein Kanzler Stoiber müsste viel mehr Christdemokrat als Christsozialer sein. Das wiederum kann nicht ohne Folgen für seine Rolle als CSU-Parteichef bleiben. Denn eine Persönlichkeitsspaltung in den Großen Integrator in Berlin und den Großen Separator in München ist schlechterdings nicht möglich. Es spräche immer der Kanzler.

Die CSU wiederum müsste eine Rolle annehmen, die das schiere Gegenteil ihrer bisherigen wäre: vom gewohnheitsmäßigen Kritiker zum allerloyalsten Anhänger der Bundes-Politik. Tendenziell weisen beide Entwicklungen in eine Richtung, gegen die die CSU sich ein halbes Jahrhundert hindurch gewehrt hat. Sie würde ein großer, aber ansonsten gar nicht mehr so besonderer Landesverband der Union.

Jüngst beim Frankfurter CDU-Parteitag ist in den Gängen über eine demnächst anstehende Vereinigung der C-Parteien gewitzelt worden. Ernst gemeint war das nicht, es wird auch in absehbarer Zeit nicht dazu kommen. Aber in dem Scherz steckt ein ernsthafter Kern. Wenn der Kanzlerkandidat der CSU Erfolg hat, dann übernimmt nicht Bayern in Berlin das Kommando, sondern viel eher Berlin in Bayern. CSU-Parteitage kriegen dann einen ganz neuen Charakter, auf den Fürth einen Vorgeschmack liefern dürfte: ein Heimspiel, bei dem sich das Publikum ein bisschen fühlt wie auf fremdem Platz.

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