Politik : Auf Leben und Tod

JÜRGEN W. MÖLLEMANN

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Von Harald Martenstein

Jürgen W. Möllemann ist der Prototyp des deutschen Nachkriegspolitikers. Wenn der Regisseur Rainer Werner Fassbinder noch leben würde, hätte er bestimmt einen Film über ihn gemacht. Möllemann war immer dabei, von Adenauer bis Schröder, es steckte alles in ihm drin, im Guten wie im Bösen: das WirtschaftswunderAufsteigertum, das Tüchtige, Hemdsärmelige, Fleißige, das Moderne und Amerikanische, aber auch das Großspurige, die innere Leere, das Vergessenwollen der deutschen Vergangenheit mithilfe von Karriere und Erfolg, das Rotieren ums eigene Ego, der ziellose Pragmatismus, Brutalität und Kumpelhaftigkeit … alles. Möllemann ist der deutsche Politiker als solcher, sozusagen pur.

Möllemann hatte alles, was ein Politiker braucht, aber er hatte nicht wirklich Charisma. Man belächelte oder respektierte, man hasste, fürchtete oder mochte ihn, aber man betete ihn nicht an. Deswegen konnte er kein deutscher Haider werden, er konnte nicht als Populist auf eigene Rechnung arbeiten, er brauchte die Parteistruktur, ohne die FDP war er verloren. Deswegen war seine Lage wirklich verzweifelt, auch wenn ihm nicht der Staatsanwalt im Nacken gesessen hätte.

Als seine Kollegen versuchten, ihrer so genannten Trauer Ausdruck zu geben, betonten sie ihr Mitgefühl mit der Familie des Toten. Auf diese Weise konnte man elegant vermeiden, etwas über Möllemann selbst zu sagen. Man musste nicht sagen: Es tut uns Leid um ihn, er wird uns fehlen. Schweigen wäre die ehrlichste Lösung gewesen, aber Schweigen ist in der Politik keine Option.

Möllemann hatte Eigenschaften, ohne die ein Politiker nicht erfolgreich sein kann. Er hatte besonders viel davon. Ehrgeiz, Wendigkeit, Skrupellosigkeit, Intriganz, Eitelkeit – das klingt sehr negativ, aber seien wir ehrlich: Ein bisschen davon braucht jeder Politiker, um sich durchzusetzen und für die Torturen des Jobs motiviert zu sein. Wenn er nichts davon hat, scheitert er. Hat er zu viel davon, kann es kippen, wie bei Möllemann.

Er war tüchtig. Er hat, abgesehen von den Affären, in keinem seiner Jobs Mist gebaut. Womöglich wäre Möllemann ein ausgezeichneter Bundeskanzler gewesen, einer wie er hätte geschickt alle Bremser ausmanövriert und das Land reformiert, dann, wenn es endlich keine Rivalen mehr gibt und er sich aufs Regieren konzentrieren kann. Aber es gibt immer neue Rivalen, neue Ziele, neue Affären, für einen wie ihn hört der Kampf nie auf.

Am Sonntag saß er bei „Christiansen“. Dachte er schon an seinen Tod? Uwe Barschel, Hannelore Kohl, Möllemann – drei unterschiedliche Fälle, aber sie laden alle drei ein zu Spekulationen und Verschwörungstheorien. Wie war es wirklich? Was steckt dahinter? Vielleicht wird man es nie wissen. Aber eines hat das Publikum doch gelernt aus diesen drei Fällen. Über die Politik und das, was wirklich passiert, erfährt man mehr aus den Dramen von Shakespeare als aus den „Tagesthemen“. Wir kommen uns informiert vor, aber wir sehen nur die Oberfläche. Man sieht die Politikerinterviews mit ihren „Davon gehe ich aus“-Sätzen, und hinter jedem dieser nichts sagenden Sätze kann ein Abgrund liegen.

Möllemanns Drama hat nicht viel mit den modernen Zeiten zu tun, die Indizien deuten auf eine sehr alte Geschichte. Wenn einer alles oder nichts spielt, wenn er verloren hat, wenn er mit seiner letzten Waffe, dem Leben, sich einen ehrenhaften Abgang erzwingt, wenn er sich ins Schwert stürzt. Hat Möllemann den Fallschirm abgestreift, waren seine Augen offen? Wie viel Mut, Entschlossenheit und Aggressivität braucht einer dazu? Wie viel Liebe zur Macht? Ja, sie haben ihn alle unterschätzt.

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