Politik : Auf Saddams Kanal

Die Iraker informieren sich auch in internationalen Medien über den Stand der Kämpfe – und vertrauen doch meistens dem Staatsfernsehen

Asne Seierstad[Bagdad]

Einer hat etwas von seinem Cousin gehört, der auf dem Landweg aus Damaskus gekommen ist. Ein anderer hat Informationen von Verwandten in Mossul. Ein Dritter hat die arabischen Sendungen der BBC gehört, ein Vierter stundenlang vor den Sendungen des irakischen Staatsfernsehens gesessen, ein Fünfter kann iranisches Radio empfangen, und sein Nachbar verlässt sich auf „Voice of America“. Natürlich tauschen die Iraker ihre Kenntnisse aus – und viele wissen nicht mehr, wem sie was glauben sollen. Herauszufinden, was sich im Irak wirklich ereignet, ist, wie ein Puzzle zu legen, dessen Teile nicht nur aus verschiedenen Schachteln kommen, sondern dem auch etliche Teile fehlen.

Der Automechaniker Isam hat sich entschieden: „Ich kann nie im Leben glauben, dass sie nur noch wenige Kilometer von Bagdad entfernt sind. Das ist nur Propaganda. Sie haben nicht einmal eines unserer kleinen Dörfer erobert. Sie irren einfach nur in der Wüste herum. Und wenn es ihnen gerade einfällt, ballern sie etwas herum", sagt er. Isam hat auch ausländische Sender gehört, doch er vertraut den irakischen Staatsmedien – so wie die meisten Iraker. Obwohl sie wissen, dass sie sich nicht immer auf den zensierten Staatskanal verlassen können, gibt dieser ihnen ein Stück Sicherheit im Alltag und das Gefühl, dass es den Alliierten nicht gelingen wird, Bagdad einzunehmen.

„Ich habe gehört, die Amerikaner haben Kerbala eingeschlossen", sagt der 20-jährige Reem. „Aber ich weiß nicht, ob das wahr ist. Und ich glaube nicht, dass sie nach Basra eingerückt sind.“ Seine ein Jahr ältere Schwester Huda vermutet: „Die irakischen Truppen haben sie verwirrt, und deswegen müssen sie sich auch durch die Wüste zurückziehen.“ Hanan, die Mutter der beiden, hat es längst aufgegeben, das Informationspuzzle zusammenzusetzen. „Als Letztes habe ich bei der BBC gehört, dass die USA die rote Linie überschritten hätten. Aber was ist eigentlich die rote Linie?“ 30 Kilometer vor der Stadt verlaufe diese, erklärt ihre Tochter. „Aber der Irak hat sie gewarnt, sie zu überschreiten. Sie werden ihnen eine Lektion erteilen, falls sie das tun", sagt sie. Es klingt genau wie die offizielle Propaganda der irakischen Regierung.

Am Freitagabend waren im Staatsfernsehen Bilder Saddam Husseins zu sehen, der sich in einem Stadtteil Bagdads von einer kleinen Menge feiern ließ – mit ihm zwei oder drei Uniformierte. Das Gesicht des Diktators sah wesentlich entspannter aus als während der ebenfalls am Freitag vom Fernsehen übertragenen Ansprache an die Nation. Es ist nicht überprüfbar, wann genau diese Bilder aufgenommen worden sind. Die Szene wirkte improvisiert.

Sowohl Reem, der Mathematik studiert, als auch Hanan, die Diplomingenieurin werden will, haben an Kursen der Universität in Landesverteidigung teilgenommen. Sie haben gelernt, wie man mit einer Kalaschnikow schießt. Aber sie wollen nicht kämpfen, falls die alliierten Bodentruppen die Stadt einnehmen. „Wir bewegen uns nicht vom Fleck“, sagt Reem. Im Gegensatz zu vielen Freunden und Bekannten will die Familie Bagdad nicht verlassen. Dennoch: Im Schlafzimmer stehen ihre Taschen mit persönlichen Habseligkeiten. Ein paar Kleider, ein kleines Stück Seife, ein Rolle Toilettenpapier und ein paar Dinge, die ihnen lieb und teuer sind. „Für alle Fälle“, sagt die Mutter. „Falls wir doch wegmüssen.“ Die Familie gehört zu Bagdads immer kleiner werdender Mittelklasse. Mit Lebensmitteln, Wasser und der Heizung gibt es noch keine Probleme. „Es ist, als ob das Leben stillsteht“, sagt Reem seufzend. „Und wir können nichts tun, als einfach hier zu sitzen und zu warten.“ (mit dpa)

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