Politik : Auf Suche nach Gemeinsamkeiten verspricht Athener Ministerpräsident Simitis Tirana Hilfe

Gerd Höhler

Vor dem monumentalen Standbild des albanischen Nationalhelden Skanderbeg im Museum von Kruja, dem Bergstädtchen nordöstlich der Hauptstadt Tirana, stockt die Führung. Wie Skanderbeg im Jahre 1444, eben erst aus osmanischer Geiselhaft am Hof des Sultans entflohen, in der Festung Kruja mit 15 000 Mann den zehnmal so starken osmanischen Belagerern trotzte, das muss sich der Besucher, Griechenlands Ministerpräsident Kostas Simitis, besonders ausführlich anhören.

Immerhin der Kampf gegen die türkischen Besatzer verbindet Griechen und Albaner. Ansonsten ist der Vorrat an Gemeinsamkeiten der beiden Nachbarn aber eher spärlich. Erst 1987 wurde der aus dem Jahr 1940 datierende Kriegszustand zwischen beiden Ländern aufgehoben. Vollends normalisiert haben sich die Beziehungen jedoch immer noch nicht. Das zeigte sich auch beim Simitis-Besuch in Tirana am Dienstag dieser Woche. Zugleich aber unterstrichen der griechische Premier und sein albanischer Amtskollege Pandeli Majko ihren Willen zu enger Zusammenarbeit.

Davon erhofft man sich nicht zuletzt beiderseitigen wirtschaftlichen Nutzen: Albanien ist, zumal nach dem Kosovo-Krieg, dringend auf Hilfsgelder angewiesen, vor allem für den Ausbau der Infrastruktur, einer wichtigen Voraussetzung für ausländische Investitionen. Griechenland ist bereit, finanziell zu helfen, und hofft zugleich, dass zumindest ein Teil der bereitgestellten Mittel in Form von Aufträgen an griechische Unternehmen zurückfließt.

Einen Kredit über 20 Milliarden Drachmen (61 Millionen Euro) sagte Athen bereits im vergangenen Jahr zu. Drei Viertel davon aber konnten bisher nicht ausgezahlt werden, weil die Albaner noch immer keine konkreten Pläne zur Verwendung der Mittel vorgelegt haben. Die Athener Regierung sähe das Geld am liebsten in den Bau von Wohnungen und Krankenhäusern investiert, Tirana dagegen möchte Kasernen für die Streitkräfte bauen. Hilfsgelder von weiteren 1,9 Millionen Euro haben die Griechen im Rahmen der internationalen Albanien-Geberkonferenz zugesagt. Ein Drittel davon soll in die traditionellen Siedlungsgebiete der griechischen Minderheit in Südalbanien fließen.

Die griechische Minorität, wie auch die nahezu 500 000 überwiegend illegal in Griechenland arbeitenden Albaner, bezeichnete Ministerpräsident Majko als "Brücken des beiderseitigen Verständnisses". Beide Gruppen sorgen allerdings auch immer wieder für Spannungen. Athen beklagt seit Jahren Diskriminierungen der griechischen Minderheit durch die albanischen Behörden, vor allem was den muttersprachlichen Schulunterricht angeht. In jüngster Zeit sieht sich die griechische Minderheit auch zunehmend im Visier der albanischen Mafia. Aus Furcht vor den bewaffneten Banden haben Zehntausende albanische Griechen in den vergangenen zwei Jahren das Land verlassen. Die Athener Regierung möchte diese Abwanderung vor allem mit Investitionen und Infrastrukturprojekten in Südalbanien stoppen.

Konflikte entzünden sich in jüngster Zeit aber auch an der Präsenz der Albaner in Griechenland. Sie suchen zwar mehrheitlich, aber keineswegs ausschließlich nach Arbeit. Mit dem Zustrom aus dem Nachbarland rollte eine Welle der Eigentums- und Gewaltkriminalität über Griechenland hinweg. Nach zwei spektakulären Geiselnahmen durch albanische Gangster ließ die Athener Regierung vergangenen Monat Tausende illegaler albanischer Einwanderer aufgreifen und abschieben. Das sorgte für Irritationen auf Regierungsebene. Im persönlichen Gespräch mit Simitis soll Majko allerdings Verständnis für die Sicherheitsprobleme der Griechen geäußert haben. Begegnen will man der illegalen Einwanderung künftig mit gemeinsamen Grenzpatrouillen. Im Gegenzug versprach Simitis, die griechischen Behörden würden alle illegal eingereisten Albaner legalisieren, sofern sie eine Arbeit nachweisen können.

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