Politik : Aufarbeitung in eigener Sache Stasi-Vorwürfe begleiten Porsch im Wahlkampf

Matthias Meisner[Chemnitz]

Lutz Rathenow hat nicht damit gerechnet, dass Peter Porsch kommt. Der Schriftsteller wollte am Donnerstagabend in Chemnitz eigentlich nur aus seiner „Prosa zum Tage“ lesen. Doch in der Lokalzeitung „Freie Presse“ hatte Rathenow kurzfristig den PDS-Politiker „zum Dialog“ aufgefordert – der dann zum Streitgespräch über Schnüffler und Beschnüffelte wurde. Schließlich wolle er, so Rathenows provokante Begründung, seine Erinnerungen „nicht umlügen“. Der mit Stasi-Vorwürfen sich herumplagende Porsch sagte ein Gespräch mit Gewerkschaftern ab und stellte sich. Die Vorwürfe gegen den PDS-Spitzenkandidaten gehören zu den Hauptthemen im Landtagswahlkampf.

1984 hatte in der Leipziger Wohnung von Porschs damaliger Freundin und heutiger Frau eine Schriftstellerlesung stattgefunden, Rathenow war unter den Gästen. In den Stasi-Akten stehen Einzelheiten über die damaligen Küchengespräche Rathenows. Der aus Österreich in die DDR übergesiedelte Germanist Porsch erinnert sich noch daran, gemeinsam mit Rathenow Liptauer Käse verspeist zu haben. Um die anderen Fakten gibt es Streit. Porsch will nur aus Angst „mit diesem Herrn von der Kripo alias Stasi“ gesprochen haben. Rathenow sagt, „dieser Jemand“, der in seiner Stasi-Akte als IM Christoph auftaucht, „erinnert sehr, sehr stark an Peter Porsch“. Und sieht die „Glaubwürdigkeit einer erneuerten demokratischen PDS aufs Spiel gesetzt“.

Die Auseinandersetzung lässt Porsch nicht los – wenigstens nicht bis zum Wahltag am 19. September. Wohin er in diesen Tagen auch kommt, es geht um die Vorwürfe. Porsch lässt sich an den Infoständen von Parteifreunden auf die Schulter klopfen und sich sagen, nur Opfer einer „Rufmordkampagne“ geworden zu sein. Er nimmt für sich in Anspruch, vor der Wende über die Strukturen in der DDR nicht Bescheid gewusst zu haben. Immer wieder nach seiner Übersiedlung 1973 habe er gehört, dieser oder jener sei angeblich bei der Stasi. Doch habe er dann Vertrauen gehabt, wenn einer sagte, er komme von der Kripo oder der Liga für Völkerfreundschaft.

Doch die Sache schadet im Wahlkampf. Immerhin glauben nach dem aktuellen Politbarometer 42 Prozent der Sachsen, dass Porsch für die Stasi gearbeitet hat. Nach außen hin halten die PDS-Genossen zu ihm. Intern streiten sie bereits, wer nach Porsch Fraktionschef im Landtag werden soll. Porsch selbst fürchtet, die Wähler könnten PDS und NPD als Protestparteien in einen Topf werfen – und die Rechtsextremen statt der PDS wählen. Auf dem Marktplatz von Annaberg- Buchholz sagt Parteichef Lothar Bisky, Porsch sei „mit Witz und Verstand bei der Sache“ und habe sein Vertrauen. Alte PDS-Plakatständer stehen herum. Per Hand geschrieben steht dort jetzt „Hartz IV bringt Armut, aber keine Arbeit“. Die NPD fordert auf Plakaten „Quittung für Hartz IV“. Bei der PDS-Kundgebung stehen hinten die Annaberger NPD-Stadträte und halten ein Plakat hoch: „Glück auf Stasi Porsch“.

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