Aufarbeitung : Russland kämpft um Geschichte

Viele Russen empörte sich vor allem darüber, wie Moskaus ehemalige Vasallen mit der gemeinsamen Geschichte umgehen. Nun soll es eine Gesetz geben, das harte Strafen für alle vorsieht, die die Verdienste der Sowjetunion beim Sieg über Hitlerdeutschland leugnen.

Elke Windisch[Moskau]

Das Gesetz werde die „Erosion des kollektiven Gedächtnisses“ stoppen, hofft, Irina Jarowa, die für die Kremlpartei „Einiges Russland“ in der Duma sitzt. Jarowa gehört zu den Autoren einer Vorlage, die Russlands Parlament kommende Woche beschließen will: Sie sieht harte Strafen für alle vor, die die Verdienste der Sowjetunion beim Sieg über Hitlerdeutschland und die Verbrechen der Nationalsozialisten leugnen: Haft von bis zu drei Jahren und Bußgelder von bis zu 300 000 Rubel. Das sind immerhin 6865 Euro. Belangt werden sollen auch Ausländer, die sich des neuen Vergehens in Russland schuldig gemacht haben.

Akuten Handlungsbedarf sahen die Russen bereits Ende Februar. Einer der Parteiführer – Katastrophenschutzminister Sergej Schoygu – empörte sich vor allem darüber, wie Moskaus ehemalige Vasallen mit der gemeinsamen Geschichte umgehen. Zu Recht, wie sogar die liberale Opposition und Menschenrechtsgruppen finden, die Kreml und Regierung sonst die unkritische Aufarbeitung der sowjetischen Geschichte ankreiden. Für das Gesetz sprachen sich auch bei Umfragen kritischer Meinungsforscher überwältigende Mehrheiten aus. Dem Verband der Kriegsveteranen indes geht der Gesetzgeber nicht weit genug. Rechtkräftig Verurteilten, so Vorsitzender Alexander Martyschko, müsste wie Landesverrätern die russische Staatsbürgerschaft aberkannt werden.

Seiner Generation stößt gerade in diesen Tagen, um den am Sonnabend begangenen 64. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, besonders bitter auf, wie einige der UdSSR-Nachfolgestaaten inzwischen die gemeinsame Vergangenheit umdeuten. Vor allem die baltischen EU-Neumitglieder und die Ukraine. So will die Stadt Ternopol im Westen der Republik die 1943 aus ukrainischen Nationalisten aufgestellte Waffen-Grenadier-Division der SS per Gedenktafel würdigen. Sie kämpfte, ebenso wie zunächst auch die sogenannte Ukrainische Aufstandsarmee, auf Seiten der Wehrmacht gegen die Rote Armee und gegen sowjetische Partisanen. In Riga darf sich die lettische Legion der Waffen-SS sogar regelmäßig zu Gedenkmärschen zusammenrotten. Der letzte fand erst im März statt. Weil Lettland der Sowjetunion erst 1940 und nicht ganz freiwillig beitrat, wird der 8. Mai, der Tag, an dem die Sowjetunion 1945 erneut einrückte, dort inzwischen als Volkstrauertag begangen.

Noch mehr indes schockieren die meisten Russen Versuche eigener Landsleute, die Geschichte umzubiegen. Diese behaupten, Stalin habe Deutschland angreifen wollen und Hitlers Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 sei daher pure Notwehr gewesen.

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