Politik : Aufbau von unten

Von Harald Schumann

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Wer kluge Absichten mit dummen Worten verkauft, verrät dem Publikum seine Unsicherheit. So ist es jetzt dem Chef der Baugewerkschaft, Klaus Wiesehügel, ergangen, als er im Namen seiner Organisation den illegalen Praktiken vieler Unternehmen auf Deutschlands Baustellen den Kampf ansagte. Von „Feinden“ sprach er, die man „bis zur Vernichtung bekämpfen“ müsse, und von einer „Eingreiftruppe“, die „nicht zimperlich“ vorgehen werde.

Feinde? Vernichtung? Truppe? Derlei Vokabular inszeniert soziale Konflikte als Krieg – eine Methode, derer sich in Deutschland sonst nur Neonazis bedienen. Das ist dumm und eben allenfalls damit zu erklären, dass sich der oberste Baugewerkschafter höchst unsicher ist, ob seine Organisation den angekündigten Kampf überhaupt noch erfolgreich führen kann. Denn in Wahrheit steht die IG Bau mit dem Rücken zur Wand. Angesichts der Dauerkrise der Branche hat sie binnen vier Jahren gut ein Fünftel ihrer Mitglieder verloren. Gleichzeitig gibt es eine wachsende Zahl von Unternehmern, die skrupellos die Not der Bauleute ausnutzen, um sie zu betrügen, auszubeuten und ihres Grundrechts auf Selbstorganisation zu berauben. Nicht zufällig sind die Opfer zumeist ostdeutsche und osteuropäische Wanderarbeiter, weil deren Not am größten ist. Darum haben Wiesehügel und seine Mitstreiter allen Grund für offensive Protestaktionen und gar keinen, ihren berechtigten Zorn durch verbale Kraftmeierei zu diskreditieren.

Eigentlich haben sie das auch gar nicht nötig. Gerade die IG Bau und ihr Vorsitzender demonstrieren gut, wo die Zukunft der Gewerkschaften liegt. Nicht nur haben sie mit dem Europäischen Verband der Wanderarbeiter erstmals eine grenzüberschreitende Arbeitnehmerorganisation geschaffen, wie sie eigentlich längst in fast allen Branchen gebraucht wird. Zudem arbeiten sie hart am Umbau ihrer Organisation vom anonymen Apparat zur „Mitmachgewerkschaft“ (Wiesehügel), die jedem Mitglied direkte Mitarbeit und Einfluss auf die Vorgehensweise im Konfliktfall ermöglichen soll. Nur wenn sie den Nutzen und die Präsenz der Gewerkschaften erkennen sowie ihren eigenen direkten Einfluss spüren, bleiben Arbeitnehmer auch Gewerkschafter. Die gleiche Erfahrung macht auch die IG Metall. Ironischerweise verzeichnet sie überall dort, wo Unternehmen die Aushöhlung der Tarifverträge anstreben, durch die Bildung betrieblicher Tarifkommissionen, durch Betriebsversammlungen und gemeinsame Aktionen mit Unterstützern von außerhalb den größten Mitgliederzuwachs.

Insofern ist die Organisationsarbeit im Betrieb, also die Rückkehr zu ihren Ursprüngen, das Gebot der Stunde für Deutschlands Gewerkschaften. Es ist notwendig und nützlich, dass Betriebsräte und Funktionäre auf hohem Niveau als Komanager auftreten und innovative Konzepte vorschlagen können. Doch diese Qualifikation wird nutzlos, wenn die Gewerkschaften nicht gleichzeitig als starke soziale Bewegung das politische Leben der Republik mitgestalten. Dem verbreiteten Irrglauben, die Zukunft der deutschen Volkswirtschaft liege in der fortwährenden Senkung der Arbeitnehmereinkommen, werden sie nur begegnen können, wenn sie ihre Widersacher zuweilen glaubwürdig daran erinnern, dass auch sozialer Frieden ein wertvoller Standortfaktor ist. Die neuen Organisations- und Aktionsformen der IG Bau verfolgen da genau das richtige Ziel. Sind sie erfolgreich, dann werden die „Feinde“ irgendwann auch wieder Sozialpartner.

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