"Aufbruch 89 - Neues Forum" : Es lag etwas in der Luft

Heute vor 20 Jahren elektrisierte der Aufruf „Aufbruch 89 – Neues Forum“ innerhalb kürzester Zeit die gesamte DDR.

Christian Booß
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Zwei prominente Gründer des Neuen Forums: Bärbel Bohley und Jens Reich. Foto: dpa

Berlin - Schon der Ort, an dem sich vor 20 Jahren am 9. September jene 30 Männer und Frauen versammelten, war Programm: In Grünheide östlich von Berlin hatte der Altdissident Robert Havemann bis zu seinem Tode gelebt. Und hier kamen sie, handverlesen von einem kleinen Kern um die Ostberliner Malerin und Oppositionelle Bärbel Bohley, aus der gesamten DDR zusammen, um das Neue Forum zu gründen, einen DDR-weiten Zusammenschluss. Sie waren nicht die Einzigen, die solches vorhatten. Doch sein schneller Aufstieg und sein baldiges Versinken in der Bedeutungslosigkeit machten das Neue Forum zu einem Mythos.

Im Sommer 1989 herrschte – trotz scheinbar allgegenwärtiger Stasi und permanenter Verhaftungsbedrohung – Gründungsfieber: Der Starrsinn der Parteilenker daheim, während der Ostblock anfing zu brodeln; Fluchtwelle und Botschaftsbesetzungen, Sprachlosigkeit der Regierung angesichts des Problemstaus, repressive Überreaktionen und außenpolitisch motivierte Nachgiebigkeit provozierten die Menschen. Es lag etwas in der Luft. Die Situation verlangte nach neuen Antworten.

Der Aufruf „Aufbruch 89 – Neues Forum“, der furiose Anfang, geht auf einen Entwurf des Mikrobiologen Jens Reich zurück. Er gab keine Antworten, aber er forderte den „demokratischen Dialog“ ein. Doch gerade die programmatische Schwäche ließ das Papier zum Fanal werden. Der Begriff Sozialismus fehlte – schon weil man sich selbst nicht einig war. Angesprochen wurde die „ganze DDR“, so wurde Gegnern wie kritischen Parteigängern des Systems eine Brücke gebaut.

Die Erstunterzeichner des Aufrufs ahnten nicht, welche Dynamik sie in Gang setzten. Das nächste Treffen wurde erst für Anfang Dezember angesetzt. „Wenn es gut geht, bekommen wir 5000 Unterschriften“, erinnert sich Klaus Wolfram an die damaligen Erwartungen. Es wurden 200 000. Harmlos waren die Plattformgründer dennoch keineswegs. „Ich halte es für notwendig, dass diese Leute endlich abtreten“, meinte Bärbel Bohley. Gemeint war die SED- und Staatsspitze. Strategisch klug hatte man nach dem Motto „raus aus dem Ghetto der Kirche“ nur wenige Pfarrer und Kirchenbewegte eingeladen, die sonst oft das Bild prägten.

Der ehemalige SED-Rechtsanwalt Rolf Henrich schlug vor, sich auf die Verfassung zu berufen und scheinbar die offizielle Zulassung zu beantragen. Der Staat reagierte schnell und borniert. Das Forum sei eine „staatsfeindliche Plattform“. Verhaftet wurden die Gründer aber nicht. Denn in einer Kettenreaktion elektrisierte der Aufruf innerhalb von Stunden, Tagen und Wochen die gesamte DDR. Es ist heute fast unvorstellbar, wie er auf schreibmaschinegetippten Durchschlägen, schlecht lesbaren Wachsmatritzenkopien bald überall kursierte. Er wurde in Kirchenversammlungen verlesen, wegen des Andranges, etwa in Brandenburg und Babelsberg oft mehrfach wiederholt.

Bärbel Bohley kommentierte in Westmedien die Lage: Furchtlos, respektlos, pointiert mit berlinerisch-mokantem Unterton, formulierte sie, was viele fühlten. Die Revolution bekam ein Mediengesicht. Als die Anerkennung des Neuen Forums zur populären Forderung von Künstlern und vielen anderen Montagsdemonstranten wurde, musste die Partei zurückweichen. Auf der Berliner Großdemonstration am 4. November durfte mit Jens Reich ein Vertreter des Neuen Forums auf dem Alexanderplatz öffentlich vor Kameras reden. Die staatliche Anerkennung folgte nur Tage später. Doch wieder nur Tage später folgt der Taumel der Maueröffnung. Auf dem Höhepunkt des Erfolges bleiben dem Forum die Anhänger weg. Die Gralshüterin der Basisdemokratie Bärbel Bohley ätzt gegen das Volk. Auch die besonnenere schriftliche Erklärung trifft keineswegs die euphorischen Bauchgefühle der Mehrheit.

Anfang Dezember 1989 brechen die Führungsgremien der SED zusammen und die Macht liegt auf der Straße. Doch die Opposition greift nicht zu. Das wäre „Abenteurertum“, meint Gründungsmitglied Reinhard Schult. Stattdessen setzt man sich mit den Altgruppierungen an den Runden Tisch. Als die Demonstranten vor den Toren der Staatssicherheit stehen, spricht Bohley vermittelnd mit Gregor Gysi und dem ehemaligen Stasi-Granden Markus Wolf. Die Suche nach dem Kompromiss – eine Haltung, die heute mitunter als illusionärer Dritter Weg herabgewürdigt wird – war in der immer noch waffenstarrenden, bankrotten DDR primär von Verantwortungsethik und radikalem Reformwillen bestimmt. Doch die „Sachzusammenarbeit mit SED-Leuten war denen total fremd“, analysiert heute Klaus Wolfram die zunehmende Entfremdung zur Basis.

Große Richtungskontroversen sprengten die Gruppierung und die Basis zerfleischte sich in endlosen Geschäftsordnungsdebatten. Große Teile wanderten zu anderen Parteien und Gruppierungen ab. Die ersten freien Parlamentswahlen am 18. März 1990 bringen dem mit zwei anderen Bürgerbewegungen zum Bündnis 90 zusammengeschlossenen Forum nur noch 2,9 Prozent der Wählerstimmen. Dennoch, der Aufruf vom 9. September bleibt in Erinnerung als eines der erfolgreichsten emanzipatorischen Pamphlete der deutschen Geschichte.

Der Autor ist Historiker und war Sprecher der Stasiunterlagenbehörde

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