Politik : Aufbruch Ost

Horst Köhler preist den Mut der Menschen aus den neuen Bundesländern – als Modell für Reformen

Andrea Dernbach[Erfurt]

Einen kleinen Gruß an die untergegangene Bonner Republik hat das Protokoll doch vorgesehen. Das Orchester begrüßt die Gäste in der Erfurter Messehalle mit einem Satz der 7. Sinfonie des in Bonn geborenen Ludwig van Beethoven. Doch mit dem letzten Ton hatte es sich dann auch schon mit der freundlichen Referenz an den rheinischen Kapitalismus und, möglicherweise, den einen oder anderen rheinischen Politiker. Nach all den Ost-West-Debatten über Sinn oder gar Ende des Solidarpakts ist für mehr wohl kein Platz.

Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus sagt es dann gleich recht deutlich in seiner Begrüßung: Das sei doch alles „sehr unerfreulich“ gewesen und auch „nicht immer durch herausragende Sachkenntnis geprägt“. Umso besser also, dass die Festgemeinde sich an diesem 3. Oktober hier in Erfurt, in der Mitte Deutschlands, selbst ein Bild machen könne, „welche Leistungen die Menschen in den letzten fünfzehn Jahren vollbracht haben“. Nach allem, was man „hier an Veränderungen erfahren und auch selbst gestaltet“ habe, „müssen wir es uns nicht gefallen lassen, mit negativen Pauschalurteilen belegt zu werden“. Natürlich habe bei allem, was seither an Gutem entstanden sei, auch die alte Bundesrepublik geholfen. Aber „vor allem“ sei es entstanden „dank des Willens, die Hinterlassenschaften von vierzig Jahren Sozialismus zu überwinden und die Chancen der Freiheit zu nutzen“.

Freiheit, das ist das Stichwort dieses gesamtdeutschen Sonntags von Erfurt. Nicht nur Althaus, auch der Bundespräsident feiert in seiner Rede die Freiheit – nicht nur als das, worum es 1989 eigentlich gegangen sei, sondern als den zentralen Wert, der dem Land alles zurückbringen werde, worum die Deutschen seit Jahren fürchten müssen: Wohlstand, soziale Sicherheit, Arbeit. Die Diktatur besiegt und die Freiheit erkämpft, sagt Horst Köhler – „die Menschen in der DDR haben damit eines der schwersten Kapitel der deutschen Geschichte geschrieben“.

Der Westen habe ins gemeinsame Deutschland zwar Westbindung, Grundgesetz, starke Wirtschaft und demokratische Festigkeit eingebracht, aber eben auch „Selbstzufriedenheit, überzogenes Anspruchsdenken und einen alles durchdringenden Regulierungseifer“. Ganz anders die neuen Bundesbürger: „Aus Ostdeutschland kam ein überwältigender Wille zum Aufbruch und zur Veränderung“, sagt Köhler. Also exakt das, was Deutschland brauche, um die Krise zu überwinden. Von wegen westliches Modell: Der Bundespräsident erzählt von seinen Reisen durchs Land und den Besuchen bei erfolgreichen Mittelständlern in Rostock und Weißenfels bei Halle: „Mehr als einmal habe ich bei solchen Begegnungen gedacht: Wer muss hier eigentlich wem Mut machen?“

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