Politik : "Aufbruch und Abwicklung": Kein Problem mit Denkverboten

Wolfgang Templin

Wenn der Berliner Philosoph Guntolf Herzberg wieder einen Band mit Studien zum Innenleben der Philosophie in der DDR vorlegt, kann er einen großen Teil eigener Erfahrungen dazu beisteuern. Herzberg, Jahrgang 1940, studierte in der ersten Hälfte der 60er Jahre an der Humboldt-Universität Philosophie - seine Kommilitonen waren unter anderen Wolf Biermann und Jurek Becker. Er wurde in den 70er Jahren wegen "illegaler Zirkeltätigkeit" und "antimarxistischen Auffassungen" aus der SED ausgeschlossen und erhielt Berufs- und Publikationsverbot. Die Ausreise nach West-Berlin 1985 ließ ihn den zermürbenden Kampf um Geistesfreiheit in einem Staat aufgeben, der nur Denkverbote produzieren konnte.

Auf der Grundlage dieser Biografie könnte man in der Rückschau eine unbarmherzige Generalabrechnung mit der ideologischen Königsdisziplin des SED-Staates erwarten. Guntolf Herzbergs Anspruch ist aber ein anderer. Bereits in einem ersten Band, der 1996 zum Thema erschien "Abhängigkeit und Verstrickung", spürt er den individuellen Entwicklungen und Schicksalen von DDR-Philosophen nach, die sich auslieferten oder widerstanden. Herzberg beschreibt die Mechanismen von Strafe und Belohnung, die institutionellen Grundlagen und Strukturen der Ideologieproduktion. Neben wenigen westdeutschen "Außenseitern" und einigen jüngeren DDR-Philosophen ist er der einzige Autor, der im Gegenüber von Verdammungsurteilen und den zahlreichen Rechtfertigungs- und Entlastungsschriften betroffener DDR-Ideologen, Distanz und Differenzierung zugleich einfordert.

Von diesem Antrieb ist auch der neue Studienband geprägt. Ein Beitrag lässt den "Aufbruch" der DDR-Philosophie in den späten vierziger und den fünfziger Jahren anhand der Vorträge und Aufsätze Ernst Blochs sichtbar werden und geht der Frage nach, wie der sprachgewaltige Denker im Korsett der stalinistischen Doktrin überhaupt existieren konnte.

Herzberg verwandelt sich in einen Zeithistoriker, wenn er aus Beständen der GauckBehörde und des Parteiarchivs der DDR, die Verfolgung und Verurteilung einer Gruppe von Philosophen an der Berliner Humboldt-Universität 1957/58 rekonstruiert. Wenn die selbst doktrinär geprägten Abweichler, deren Verbrechen darin bestand, nach dem 20. Parteitag der KPdSU im kleinsten Gruppenkreis personelle Veränderungen in der SED und mehr Diskussionsfreiheit zu fordern, vor ihrer Verhaftung durch die Parteiinstanzen wandern, werden Orgien an Selbsterniedrigung und -verleugnung sichtbar. Es folgen langjährige Zuchthausurteile wegen Staatsverrates, spätere Begnadigungen und für Altkommunisten wie Herbert Crüger, die "philosophische" Fortexistenz als reuiger Sünder und abschreckendes Beispiel für den akademischen Nachwuchs.

Auf dieser Unterlage bauten sich Karrieren, wie die des Blochschülers, Philosophiehistorikers, Professors und späteren Institutsdirektors Manfred Buhr auf, dem Herzberg ein eindringliches Personenporträt widmet. Buhrs Rolle und Profil als allzeit willfähriger Exekutor jäh wechselnder Parteilinien und -beschlüsse, als langjähriger Zuträger der Staatssicherheit und einflussreicher Wissenschaftsmanager der DDR - sein Institut war als "Sibirien der Philosophie" berüchtigt - hinderte westliche Kollegen noch weit nach 1989 nicht daran, ihn zu hofieren und Persilscheine auszustellen. Auch diesem trüben Kapitel deutsch-deutscher Wissenschafts- und Intellektuellengeschichte stellt sich Herzberg unverdrossen.

In Studien, die dem Ende der DDR-Philosophie und ihrem weiteren Schicksal, ihrer "Abwicklung" gewidmet sind, wird ein Kapitel Vereinigungsgeschichte erneut beleuchtet. Während sich die Auseinandersetzung um die Rolle der "marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft" in der DDR schnell entzündete und heftig geführt wurde, während eine Minderheit jüngerer Historiker offensiv die Auseinandersetzung mit ihren ideologisch belasteten Lehrern und Professoren aufnahm und den unabhängigen Historikerverband ins Leben rief, rührte sich für die gleichermaßen "marxistisch-leninistische" Philosophie viel weniger. Das Gros der DDR-Philosophen duckte sich in den Gräben der Selbstverteidigung, schob die Schuld auf die Vorgaben der gesellschaftswissenschaftlichen Führungskader und beklagte den westlichen Kolonisierungswillen. Einzelne ostdeutsche Stimmen, die zum verantwortlichen Umgang mit der eigenen Mitbeteiligung und der willfährigen Unterstützung ideologischer Exzesse aufriefen, gingen unter.

Spiegelbildlich richtete sich das Bemühen der bundesdeutschen Philosophenkollegen nicht darauf, die wenigen Kräfte der Erneuerung zu stärken, sondern das Terrain an zu besetzenden Lehrstühlen abzustecken und aufzuteilen. Der westdeutsche Anteil an Marxismusrenaissance und ausufernder Marx-Exegese, sowie die intensive akademische Kontaktpflege zu den DDR-Kollegen zwischen den 60er und den 80er Jahren, wurden peinlichst ausgeblendet. Auch diesen Verstrickungen geht Herzberg unbeirrt und in aller Freundlichkeit nach.

Er zeigt dabei auch die Kluft zwischen dem akademischen Philosophiebetrieb in der DDR und in Teilen Osteuropas auf. Während in Polen, Ungarn und Tschechien, zahlreiche Philosophen und theoretische Köpfe - mit oder ohne marxistisches Gepäck in ihrer Biografie - die lebensbestimmende Konsequenz zogen, sich früher oder später dem System offen widersetzten und Teil der Opposition wurden, blieb diese Entschiedenheit in der DDR die absolute Ausnahme.

Vielleicht ist Herzberg zu optimistisch, wenn er überdauernswerten emanzipatorischen Gehalten aus der Erbmasse marxistischen Philosophierens nachspürt und vielleicht ist seine Art, in Distanz und Kritik dennoch Gerechtigkeit walten zu lassen, dem einen oder anderen Leser zu ausgleichend. Weitere Fragen zu provozieren, weitere Untersuchungen anzustoßen und die Diskussion wachzuhalten ob sich in der Zerrgestalt der DDR Philosophie-Ideologie, Marx nun wiederfinden ließ oder nicht, ist auf jeden Fall ein Verdienst des Buches.

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