Aufgelesen : Wovor hat der Kreml Angst?

Die brutalen Übergriffe auf Demonstranten in Moskau, Nischnij Nowgorod und St. Petersburg werden auch in den regierungsunabhängigen Teilen der russischen Presse mit Unverständnis kommentiert. Eine Medien-Nachlese von Jens Mühling

"Wovor hat der Kreml Angst?", lautet eine oft gelesene Überschrift. Zur Diskussion gestellt wird mitunter die mögliche Furcht der Machthaber vor einer Revolution nach ukrainischem Vorbild welche die meisten Kommentatoren jedoch als unwahrscheinlich verwerfen. Der Blogger Michail Rostowskij beispielsweise schreibt auf den Internetseiten der linken Moskauer Tageszeitung Moskowskij Komsomolez: "Im Kreml wurden die farbigen Revolutionen in Tiflis, Kiew und Bischkek aufmerksam studiert. Nach Meinung der Polit-Gurus unserer Machthaber spielten sich die Ereignisse in allen drei Ländern nach dem gleichen Schema ab: Am Anfang standen Straßenproteste, (...) am Ende der Machtwechsel. Daraus wurde gefolgert, dass sich die Fehler Schewardnadses, Kutschmas und Akajews auf keinen Fall in Russland wiederholen dürfen. Jede nicht sanktionierte Straßenaktion muss daher im Keim erstickt werden. Dieser Schluss ist zwar logisch, ignoriert aber die Realität. In Georgien, der Ukraine und Kirgisien war die Bevölkerung ihre Machthaber zu Tode leid und lechzte nach einem Wechsel. Um eine Revolution in Gang zu bringen, reichte ein leichter Stoß. In Russland lässt sich nichts dergleichen beobachten. Die überwältigende Masse der Bevölkerung ist politisch vollkommen gleichgültig und kümmert sich ausschließlich um Privates. Wie viele Kasjanows, Kasparows und Limonows auch immer auf unseren Plätzen lärmen, auf die Situation im Land wirkt sich das absolut nicht aus."

Zu einem anderen Schluss kommt Iwan Dawydow, ein Kommentator des wirtschaftsliberalen Wochenmagazins "Expert": Die von Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow geleitete Protestbewegung "Anderes Russland" stelle "keinerlei ernsthafte Bedrohung dar. Aber das gilt nur aus der Sicht eines Beobachters, der nicht Teil des herrschenden Systems ist. Aus dem Blickwinkel des Systems ist schon die Formulierung von Alternativen eine Katastrophe. Und die Antwort auf eine solche Herausforderung kann nur die totale Säuberung sein. Jeder Schlag eines Polizeiknüppels aber bringt den Systemgegnern Zulauf. Und je grausamer der nächste Marsch unterdrückt wird, desto mehr Teilnehmer wird der übernächste versammeln. Auch wenn das System es vielleicht nicht mehr sieht: Jenseits des erlaubten Dialogs gibt es eine Menge reeller Probleme. Probleme, die diejenigen stören, die weder im System leben noch im 'Anderen Russland'. Sondern in diesem Russland."

Auch der Kolumnist Jewgenij Kisseljew kommt in einem Beitrag für die Internet-Zeitung "gazeta.ru" zu dem Schluss, dass "die Opposition in Bewegung kommt. Teile der Anhängerschaft von Jabloko und der SPS (bürgerliche Oppositionsparteien, Red.), ja sogar der Kommunisten scheinen auf die Seite des 'Anderen Russlands' zu wechseln. Je länger die Führer dieser Parteien noch das vom Kreml vorgegebene Spiel 'Mit Radikalen wollen wir nichts zu tun haben' spielen, desto schneller werden sie Anhänger verlieren."

Für ausgeschlossen hält eine bürgerliche Revolution dagegen der Politologe Leonid Radsichowskij im Gespräch mit dem "Moskowskij Komsomolez": *Aus dem Volk heraus wird es keinerlei Revolution geben, eine orangene schon gar nicht. Im Land herrscht heute vielmehr eine sehr braune Stimmung: Xenophobie in ihren idiotischsten Ausprägungen. Wenn in Russland die Macht ins Wanken geriete und sich eine Bewegung von unten formierte, würde sie den Charakter eines rassistischen Pogroms tragen." ()

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