Politik : Aufgeweichte Deiche an der Oder stehen vor neuer Belastungsprobe

Nächste Hochwasserwelle am heutigen Abend erwartet - Bundeskanzler Kohl reist erneut ins Krisengebiet POTSDAM / FRANKFURT (ODER) (thm/dpa).Den aufgeweichten Oder-Deichen in Ostbrandenburg steht in den nächsten Tagen eine weitere kritische Belastungsprobe bevor: Am Dienstag abend wird bei Ratzdorf am Zusammenfluß von Oder und Neiße eine neue Flutwelle erwartet, die die Pegel erneut um zehn Zentimeter anschwellen lassen könnte.Im Potsdamer Krisenstab ist die Sorge groß, daß die aufgeweichten Dämme diesem Druck nicht mehr standhalten."Die Deiche zerrinnen uns unter den Fingern", erklärte Michael Muth, Chef des zentralen Hochwasser-Krisenstabes in Potsdam.Es herrsche akute Gefahr, daß mehrere Deichbrüche gleichzeitig auftreten.Die Situation bleibe "äußerst kritisch." Wegen der dramatischen Lage wird Bundeskanzler Kohl am Dienstag erneut in das Hochwassergebiet reisen.Wie Regierungssprecher Peter Hausmann in Bonn mitteilte, werde Kohl am Vormittag in Frankfurt (Oder) eintreffen, um sich im Bereich des Oderbruchs über die Situation zu informieren.Kohl war bereits am Dienstag vergangener Woche im Hochwassergebiet. Ministerpräsident Stolpe sagte unterdessen dem Handelsblatt, die Hochwasserkatastrophe werfe die ohnehin schwache Wirtschaft in Ostbrandenburg um viele Jahre zurück.Die Jahrhundertflut habe Nahrungsmittelhersteller aus Westdeutschland und den Niederlanden, die in der Oderregion investieren wollten, "entmutigt": "Die Chancen, die wir hatten, sind uns weggeschwommen.Wir müssen hier noch einmal ganz neu anfangen.Laut Stolpe ist das hochwassergeschädigte Gebiet die strukturschwächste Region des Landes. Derweil dämpft man im Krisenstab die Hoffnungen, eine Überflutung des Oderbruchs und damit den "Supergau" der Hochwasserkatastrophe noch verhindern zu können.Dazu müßten die Dämme noch mehr als eine Woche dem ungeheuren Dauerdruck der Wassermassen standhalten.Wenn im Oderbruch die Deichen brechen, wird ein 648 Quadratkilometer großes Gebiet überschwemmt.Rund 4000 Bewohner des nördlichen Oderbruchs sind bereits evakuiert.Für weitere 15 000 Bewohner wird die Evakuierung vorbereitet.Der reaktivierte Schlafdeich im Hinterland, der das Oderbruchs in zwei Hälften teilt, wird weiter erhöht. Nach Auskunft von Muth bemühen sich die Einsatzkräfte derzeit, gleich mehrere Schadensstellen bei Hohenwutzen zu reparieren.Dort war am Wochenende in letzter Minute ein Deichbruch verhindert worden.Das Brandenburger Landesumweltamt teilte unterdessen mit, daß die zweite und wahrscheinlich letzte Flutwelle aus den polnischen Regengebieten am Dienstagabend in Ratzdorf, dem ersten brandenburgischen Ort an der Oder, eintreffen wird.Sie soll einen Pegel von 6.80 Meter haben, die Deichoberkante liegt bei 7.10 Meter.Ein Großteil der Ratzdorfer lehnt eine Evakuierung weiterhin ab.Nach Angaben des Potsdamer Krisenstabes sind bereits fünf Millionen Sandsäcke entlang der Oder verbaut worden.

GroKo, Neuwahlen oder Minderheitsregierung? Erfahren Sie, wie es weitergeht - jetzt gratis Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben