Politik : Aufklärer wider Willen (Kommentar)

Hellmuth Karasek

Der Stammtisch, sowohl ein realer wie ein symbolischer Ort, hat es schon immer gewusst und fühlt sich auf das Schönste bestätigt: Politik ist ein schmutziges Geschäft; Macht korrumpiert; Politiker sind käuflich, bestechlich, handeln nur im eigenen Interesse, mauscheln, lügen und betrachten den Staat als Selbstbedienungsladen. Es ist klar, warum der Stammtisch so denkt, so denken muss: aus Selbstachtung. Stammtischbrüder (und in jedem von uns, machen wir uns nichts vor, steckt einer) müssen sich ihre bedrohte Selbstachtung von der Seele reden und auf "die da oben" projizieren: Die sind auch nicht besser, im Gegenteil, sie können sich nur mehr leisten - und deshalb dürfen sie sich nicht erwischen lassen.

Franz Josef Strauß, beispielsweise, hat sich nie so richtig erwischen lassen, weshalb trotz Bäder-Zwick, Hähnchen-Jahn, Schalck-Golodkowski, DDR-Milliardenkredit auch ein Flughafen nach ihm heißt. Ehre, wem Ehre gebührt. Helmut Kohl dagegen hat es kalt erwischt. Deshalb "ruht" seine Ehre als Ehrenvorsitzender, und seine Partei hat alle Hände voll zu tun, sich möglichst laut und geschäftig von ihm zu trennen. So läuft zurzeit ein Reinigungsdrama in der CDU, in Berlin wie in Hessen: die Jungen gegen die Alten, die Sauberen gegen den Schmutz und Filz. Aufklärung versprechen die Helden wider Willen, schonungslose Aufdeckung, die Wahrheit, die ans Licht muss. Der Besetzungszettel nennt Schäuble gegen Kohl, Koch gegen Kanther. Der Augias-Stall muss gereinigt werden, um jeden Preis.

Dumm nur, dass es mit der Rollenverteilung in Gute und Böse nicht so recht klappen will: Die Säuberer nämlich sind im Stall, den sie jetzt rigoros säubern wollen, groß geworden. Man hat sie mit dem Schmutz gepäppelt, der jetzt offen zum Himmel stinkt. Bock als Gärtner, so nennt man eine solche Besetzung. Das Stück könnte, wenn man es tragisch betrachtet, auch "Ödipus" heißen: einer, der die grausige Wahrheit sucht und sich selber findet. Aber vielleicht sollte man es doch lieber als Komödie sehen, als "Zerbrochner Krug", weil Dorfrichter Adam die adamitische Gebrechlichkeit (wir sind alle allzumal Sünder) des Politikers deutlicher profiliert.

Weil Politiker wissen, dass in ihrem Rollenfach nur eine Moral gilt - nämlich die zynische Wahrheit "Man darf sich nicht erwischen lassen" -, muss es dem Dialog der zwangsgenötigten Säuberer und Erneuerer an einem mangeln: an Wahrheit. Sie reden doppelzüngig, ihre Empörung wirkt gespielt, ihre Reue geheuchelt. Die Wahrheit, die sie doch ans Licht bringen wollen - das Wort "rückhaltslos", das sie pausenlos im Munde führen, hin oder her -, die Wahrheit ist ihnen nur eine Salami, von der man, unter dem Messer, nur die dünnsten Scheibchen preis gibt. Und sie lügen, vertuschen, vernebeln, so lange es geht.

Die Demokratie ruht auf zwei Säulen: auf Moral und Misstrauen. Dass dasMisstrauen zurzeit besonders wach ist und stark sein muss, macht (noch) keine Staatskrise. Misstrauen ist der erfolgreichste Feind der Lüge und damit Freund der Moral.

Ein Zipfel dieses Spiels mit der Wahrheit kam zum Vorschein, als Wolfgang Schäuble mit zerknirschter Miene seine 100 000-Mark-Spende eingestand: Es war ein "Ach ja, hätte ich fast vergessen!", kurz bevor die Sache ohnehin aufgeflogen wäre. Das scheinbar winzige, peanuts-artige Detail eines vielleicht sogar relativ harmlosen Vorgangs riss dennoch ein riesiges Loch in den Vorhang der Lügen. Ungestraft und ohne offene Empörung hervorzurufen, darf eine Zwielicht-Figur wie Karlheinz Schreiber Schäuble einen Lügner nennen und ihm zuhöhnen, er würde noch ganz andere Sauereien ans Tageslicht zerren, wenn er nur wollte.

Das Publikum ist klug und mündig geworden: Als Schäuble in Kiel beim Wahlkampf sich als Verfechter von Wahrheit und Säuberung rühmte, wurde er ausgelacht und ausgebuht. Kohl dagegen, der trotzig schweigt (was er, gegen den ein Ermittlungsverfahren läuft, zumindest rechtlich darf), erntete bei Hamburgs sprichwörtlich ehrbaren Kaufleuten und Bremens solide bürgerlichen CDU-Mitgliedern Ovationen und Sympathie. Im Theater wie im wirklichen Leben liebt man die düster großen Missetäter mehr als die (not-)wendigen Heuchler.

» Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben