Politik : Aufklärung

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Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Der k.u.k. Schriftsteller Gustav Meyrink hat nicht nur eine der unheimlichsten Geschichten der Weltliteratur verfasst, den „Golem“, sondern uns auch die hellsichtige Satire über „Die Eroberung von Sarajewo“ hinterlassen. Es tritt in diesem Stück der greise Kaiser Franz auf, der ein paar Worte zur Eröffnung der Rindvieh-Ausstellung sagen soll. Weil er aber arg vergesslich ist, zieht er den falschen Merkzettel raus und deklamiert: „Ich – erkläre – den – Krieg!“ Es wird dann weiter berichtet, wie der Generalstab grübelt, gegen wen man den erklärten Krieg gegebenenfalls führen könnte – aber das möge doch jeder selbst nachlesen.

Uns geht es mehr darum, zu zeigen, wie peinlich ein Versprecher in der Politik sein kann. Heutzutage werden Kriege nicht mehr richtig erklärt, weshalb das Risiko geringer geworden ist. Aber unangenehm sind Versprecher allemal, besonders seit die Theorie des k.u.k. Seelenforschers Sigmund Freud populär geworden ist, dass so ein Stolpern der Zunge unbewusstes Denken zu Tage fördere. Es sind darum Politiker auch heute peinlich scharf darauf bedacht, ja keinen Lapsus zu begehen, der tief blicken lässt.

Es gelingt nicht immer. Manchmal ist es gut, dass es nicht gelingt. Das schönste Beispiel dieser Wahlperiode verdanken wir dem Vorsitzenden des Spenden-Untersuchungsausschusses des Bundestags. Volker Neumann ist nach Vernehmung des letzten Zeugen Edmund Stoiber in München um eine Bilanz der Ausschussarbeit gebeten worden. Was da kam, das war so abgrundtief richtig, wie es mit bewussten Worten nie und nimmer richtig sein kann. Der SPD-Politiker Neumann hat gesagt: „Es ist vieles unaufgeklärt worden." Robert Birnbaum

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