Politik : Aufrechte Heuchelei

Von Tissy Bruns

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Am Ende fällt der Übermut des Anfangs mit ganzer Wucht auf die SPD. Der Bundeskanzler hat am 22. Mai den überraschenden Machtverzicht der Zermürbung auf Raten vorgezogen. Haltungen dieser Art – der Mut der Verzweiflung oder der aufrechte Untergang – erzwingen immer auch Respekt. Einen Tag vor der entscheidenden Abstimmung kann man getrost dahingestellt sein lassen, wie groß der Anteil solcher Eitelkeiten an Schröders Entscheidung war. Denn von Respekt kann nicht die Rede sein.

Die Sozialdemokraten, die am Anfang tönten, das Regieren mache Spaß, verfangen sich am bitteren Ende im Kleingedruckten. Deine Rede sei Ja, ja oder Nein, nein, heißt es in der Bibel. In der Politik, die ohne Kompromiss und Umwege nicht auskommt, kann auch die Enthaltung eine beredte Aussage sein. Zu passablen Ergebnissen kann sogar das Motto führen: Manche sagen Ja, manche sagen Nein und andere enthalten sich. Die SPDAbgeordneten machen aus ihrer Antwort auf Schröders Vertrauensfrage ein Schauspiel, das eine tiefe Wahrheit über diese Partei offenbart: Regieren tut ihr weh. Schwer zu sagen, ob man darüber weinen oder lachen soll. Denn das sozialdemokratische Seelenleiden mit der Macht ist so sympathisch wie ärgerlich.

Zähneknirschend oder überzeugt, traurig oder kämpferisch teilt eine Mehrheit der SPD-Bundestagsabgeordneten Schröders Urteil, dass die vorgezogene Neuwahl von allen Übeln wohl das kleinste ist. Aber der Weg dahin ist nun einmal mit den diabolischen Eigenschaften der Macht gepflastert. Man kommt nach Verfassungslage nämlich nicht an der Klippe vorbei, das Gegenteil von dem sagen zu müssen, was man meint. Wer Schröders Kurs mitgehen und unterstützen will, der muss ihm im Bundestag förmlich das Vertrauen entziehen. Eine anregende Situation für machiavellistisch Veranlagte, weshalb sich die FDP- und Unionsabgeordneten 1982 mühelos zur Enthaltung bei der Vertrauensfrage ihres Kanzlers entschließen konnten: Ein kleiner Umweg zum wesentlichen Ziel, Helmut Kohl über Neuwahlen mehr Legitimität zu verschaffen.

Aber derlei wird zur Qual für die Mitglieder einer Partei, die entstanden ist, damit die Rechtlosen den aufrechten Gang lernen. Dass es schwer fällt, förmlich Vertrauen zu entziehen, wo man doch zusammenhalten will, das ist kein unsympathischer Zug. Ärgerlich wird es, wenn sich die SPD vor solchen Konflikten in die Illusion rettet, dass auch an der Regierungsmacht andere Gangarten als die aufrechte nicht erforderlich seien.

Denn leider ist die politische Sphäre noch schlimmer als der durchschnittliche Erwachsenenalltag. Man stelle sich nur vor, jeder würde jedem jederzeit die volle Wahrheit ins Gesicht sagen – und man weiß, warum das Leben ohne ein gewisses Quantum an Unaufrichtigkeiten, und Heuchelei unerträglich wäre. Die Durchschnittsbürger, erst recht aber Politiker, müssen sich darin bewähren, Charakter und Würde gerade im Angesicht der unvermeidlichen Niedrigkeiten und Anpassungszwänge zu behaupten.

Wer sich kindlich gibt, wo es um die Macht geht, der drückt sich in Wahrheit nur vor dieser schwierigen Herausforderung. Das trotzige Ja einiger Abgeordneter auf Schröders Vertrauensfrage ist kein Ausdruck besonderer Aufrichtigkeit; es ist in Wahrheit die Heuchelei derjenigen, die ihren Anteil am Scheitern verbergen wollen. Es sagt sich leichthin: die dunklen Seiten der Macht. In diesen Tagen kann man sie besichtigen.

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