Aufstände : Offensive gegen Indiens Maoisten

Die indische Regierung schickt tausende Soldaten, um maoistische Aufständische unter Kontrolle zu bringen. Bürgerechtler sind skeptisch und besorgt - doch die Regierung beteuert, sie wolle keinen Krieg führen.

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]

Das Wort „Krieg“ wollte er nicht in den Mund nehmen. „Wir sprechen nicht von Krieg. Wir führen keinen Krieg gegen unser eigenes Volk”, sagte Indiens Innenminister Palaniappan Chidambaram am Mittwoch. Doch man habe keine andere Wahl mehr, als die Rebellen „zu konfrontieren“. Unter dem Titel „Grüne Jagd“ plant Indiens Mitte-Links-Regierung eine Offensive gegen die erstarkenden maoistischen Rebellen, Naxaliten genannt. Der Aufstand wachse seit zehn, zwölf Jahren. „Wir werden ihnen nicht erlauben, ihren Einfluss auszuweiten.“

Tatsächlich geht es im Gandhi-Land keineswegs so ruhig zu wie man im fernen Europa gerne glaubt. Ähnlich wie seine Nachbarländer hat Indien mit bewaffneten Aufständen verschiedenster Art zu kämpfen. Die islamischen Extremisten in Kaschmir sind nur ein Problem. Auch in den Oststaaten, den sieben Schwestern, gibt es ethnische Separatistenbewegungen, die Delhi mit massiver Militärgewalt niederhält.

Doch vor allem der maoistische Aufstand nimmt an Stärke und Gewalt zu. Allein dieses Jahr wurden 700 Menschen bei Kämpfen getötet. Die Naxaliten seien die „größte Gefahr für die innere Sicherheit“, glaubt Regierungschef Manmohan Singh. Die Offensive soll sich zunächst auf die vier Bundesstaaten Chhattisgarh, Jharkhand, Orissa, und Bihar konzentrieren, wo die Maoisten am stärksten sind. Mindestens 20 000 Soldaten wurden bereits zusätzlich in die Gebiete entsandt.

Bürgerrechtler sehen die Militäraktion, die im November starten soll, jedoch mit Skepsis und Sorge. Einige fürchten, dass die Regierung doch genau das tut, was Chidambaram nun von sich wies: Den Ärmsten der Armen den Krieg zu erklären. Die Anhänger und Unterstützer der Naxaliten rekrutieren sich vor allem aus Dalits, wie die Unberührbaren heute heißen, und den Adivasi, den Eingeboren-Stämmen Indiens.

Dalits und Adivasi stellen zwar 25 Prozent der eine Milliarde Inder, aber werden bis heute brutal unterdrückt und benachteiligt. Bei ihnen verfangen die Rattenfänger-Botschaften der roten Ideologen. Sie schlössen sich den Naxaliten an, weil der indische Staat nicht gegen Armut und Unterdrückung tue. „Alles, was diese Menschen wollen, ist Essen, Gesundheitsversorgung, Schulen, Kleider und ihre legitimen Landrechte“, sagt der Menschenrechtler Hamanshu Kumar.

Chidambaram warnte dagegen davor, die Naxaliten als rote Robin Hood zu verklären. „Es ist ein traurige Tatsache, dass Teile der bürgerlichen Gesellschaft die linksextremistische Bewegung romantisieren“, sagte er. Tatsächlich stehen die Naxaliten in ihrer Brutalität anderen Terroristen nicht nach. Erst vor wenigen Tagen köpften sie einen Polizeioffizier. Mit Raketenwerfern, Bomben und Maschinengewehren, aber auch Pfeil und Bogen kämpfen sie gegen die Polizei und attackieren Bahngleise, Funktürme und Stromwerke. Der maoistische Aufstand hat seine Hochburgen vor allem auf dem Lande, wo Adivasi und Dalits unter finstersten Bedingungen ihr Dasein fristen. Dort haben die Naxaliten ganze Landstriche unter ihrer Kontrolle gebracht. Inzwischen sind sie in 20 der 28 indischen Bundesstaaten aktiv.

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