Aufstand der Massen : Proteste in Spanien: Los, auf die Plätze!

Überall in Spanien protestieren Menschen wie Carlos Gutierrez aus Madrid oder Manuel Luna aus Mallorca: gegen Politiker und Banken – und dagegen, dass der gestrige Wahltag nichts ändern wird.

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Hola und hello! Seit einer Woche wird der Aufstand der Massen immer größer – wie hier auf der Puerta del Sol in Madrid. Foto: imago stock&people
Hola und hello! Seit einer Woche wird der Aufstand der Massen immer größer – wie hier auf der Puerta del Sol in Madrid.Foto: imago stock&people

Als der halbrunde Platz entstand, Hunderte von Jahren ist das her, nannte man ihn Puerta del Sol, Tor zur Sonne, weil er den Weg nach Osten wies, dorthin, wo die Sonne aufgeht, was die seither Tag für Tag aufs Neue tat, auch an diesem Sonntag, dem 22. Mai 2011, so zuverlässig, wie im Leben sonst nur der Tod ist.

Es ist der Tag, an dem 35 Millionen wahlberechtigte Spanier aufgerufen sind, über 8000 Bürgermeisterposten im ganzen Land neu abzustimmen und in 13 Regionen über neue Parlamente, was in etwa den deutschen Landtagswahlen entspricht. Trotzdem sind diese Wahlen auch eine Abrechnung mit der Zentralregierung des sozialistischen Ministerpräsidenten José Luis Zapatero, denn sie fallen in eine Zeit der Empörung, wie Spanien sie lange nicht gesehen hat.

Und so kommt es, dass die aufgehende Sonne dieser Tage ein ungewohntes Bild beleuchtet. Sie wirft ihre noch blassen Strahlen auf tausende junge Leute, die mitten in Madrid auf den Steinen liegen, zusammengerollt in Schlafsäcken, die Köpfe auf Kissen oder Kuscheltieren, sie wärmt die Luft in vielen kleinen runden Zelten, die auf dem ganzen Platz aufgeschlagen wurden, sie lässt erste Augen blinzeln. Und vielleicht sieht sie in einigen ein Staunen über das, was in den vergangenen Tagen losgetreten wurde, wie aus dem Nichts. Und nun ist es so groß geworden.

Die jungen Leute haben den Aufstand gewagt. Sie haben immer neue Pappkartons und Bettlaken mit Slogans und Signalworten bemalt, sie haben sich die „Empörten“ genannt und damit schließlich – nicht nur in Madrid, auch in Barcelona, Valencia, Palma de Mallorca und 60 weiteren Städten – die Alten angelockt, die anfangs distanziert reagiert hatten. Doch nun demonstrieren sie alle gemeinsam. Sie beklagen ihre Lage, besonders die Arbeitslosigkeit – 21,3 Prozent im Land, 45 Prozent bei den Jungen! –, sie fordern eine Chance auf Zukunft, und dass nicht sie die Rechnung begleichen, die andere liegen ließen.

Einer von denen, die hier auf der Straße sind, von denen, die der Weltwährungsfonds IWF bereits als „verlorene Generation“ bezeichnete, ist Carlos Gutierrez, 28, ein sympathischer, hagerer Bursche mit kurzen dunklen Haaren, der sich das Wort „Revolution“ auf sein weißes T-Shirt gekritzelt hat. „Wir sind nicht gegen das System, das System ist gegen uns“, ruft er, als die Sonne höher gestiegen ist, mit den anderen, sie sind ein Meer von Menschen, und wütend reckt er beide Fäuste gen Himmel.

Carlos Gutierrez ist hier, weil er nicht mehr weiß, wie sein Leben weitergehen soll, was die Perspektive ist. Marketing hat er mal studiert, seit drei Jahren ist er fertig, und genauso lange schon sucht er einen Job. Ungefähr 500 Bewerbungen habe er verschickt, sagt er, „das Ergebnis: zwei unbezahlte Praktikumsstellen, eine vierwöchige Aushilfstätigkeit für 500 Euro und hunderte Absagen.“ Und vor allem: keine Aussicht auf Besserung. Eher auf das Gegenteil.

Das Land wird erdrückt von horrenden Haushaltsschulden. Zwar nimmt Spanien bislang keine Hilfen von Europäischer Union und IWF in Anspruch, doch wenn nicht bald eine Art Konjunktur in Gang kommt, könnte es ein Euro-Krisenfall werden, wie bereits Griechenland, Irland und Portugal. Es ist im Haushalt kein Spielraum für Arbeitsförderung oder soziale Hilfen, vielmehr wird bei den Programmen, die bereits existieren, gekürzt. Das dürfte sich auch nach diesem Wahl- und Protestsonntag kaum ändern. Das ist eine Art Gemeinplatz in Spanien geworden. Doch für Manuel Luna hat der den Unterschied gemacht.

Es war der Montagmorgen vor einer Woche. Alles sah so aus, als würde dieser Tag ebenso verzweifelt verlaufen wie jeder andere in den vergangenen Wochen, in denen er mit seinem Lebenslauf in der Tasche durch die Geschäfte, Betriebe, Läden von Palma de Mallorca gelaufen war und einen Job gesucht hatte, irgendeinen. Manuel Luna schaltete, während er frühstückte, den Fernseher ein und sah dort die Bilder von den jungen Leuten auf der Puerta del Sol, und dazu sagte eine Frau, die anstehenden Kommunalwahlen machten nur deutlich, dass sich nichts ändern würde – selbst wenn eine andere Partei an der Macht wäre.

Manuel Luna starrte auf den Fernseher, sein Kaffee wurde kalt. Am liebsten wäre er aufgesprungen und sofort nach Madrid gefahren. Das mulmige Gefühl war weg, das ihn so lange schon lähmte. Er setzte sich in sein Auto und fuhr nach Palma, doch den Lebenslauf ließ er auf dem Küchentisch liegen. Stattdessen packte er den Schlafsack und die Isomatte in den Kofferraum. Er wusste: Heute Nacht würde er nicht wieder zu seinen Eltern nach Hause zurückkehren. Er würde auf dem Hauptplatz von Palma, auf der Plaza de Espanya, schlafen. Als er ankam, waren dort schon mehr als hundert junge Menschen. Sie hatten dieselbe Idee wie er.

Und so haben sich seit vergangenem Sonntag überall im Land immer mehr Menschen versammelt. Sie haben keine wilde Fiesta aus ihren Zusammenkünften gemacht, sondern diskutiert, stundenlang, tagelang. Über eine „wirkliche Demokratie“, nach der sie sich sehnen, und darüber, wie ihr Protest noch wirkungsvoller werden kann. Wie man am besten den „korrupten Politikern“, die jahrelang mit „geldgierigen Banken und Immobilienhaien“ gemeinsame Sache gemacht hätten, die Zähne zeigt.

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