Aufstand gegen Assad : Menschenrechtler: Gewalt in Syrien fordert erneut hundert Tote

31.01.2012 08:42 Uhrvon
Demonstranten vor der russischen Botschaft in Istanbul kritisieren die Haltung Moskaus im Syrien-Konflikt. Foto: dpa
Demonstranten vor der russischen Botschaft in Istanbul kritisieren die Haltung Moskaus im Syrien-Konflikt. - Foto: dpa

Update Allein am Montag sollen bei Kämpfen in Syrien hundert Menschen ums Leben gekommen sein. Der Aufstand gegen das Regime von Bashir al-Assad erreicht inzwischen die Hauptstadt. Angeblich versuchte Assads Frau zu fliehen.

Bei den politisch motivierten Gewalttaten in Syrien sind nach Angaben von Menschenrechtlern allein am Montag rund einhundert Menschen getötet worden. Bei 55 Opfern handele es sich um Zivilisten, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London am Dienstag mit. Die Zahl der Toten vom Montag war bis zum Abend zunächst mit rund 50 angegeben worden. Allein 40 Zivilisten wurden laut Angaben der Beobachtungsstelle am Montag in Homs getötet, neun weitere in Daraa, fünf in Vororten der Hauptstadt Damaskus und einer in Idleb.

Darüber hinaus verzeichnete die Beobachtungsstelle zehn getötete desertierte Soldaten, 25 getötete Soldaten der syrischen Armee und sechs getötete sonstige Sicherheitskräfte.

Die heftigen Kämpfe zwischen Armee und Aufständischen toben inzwischen wenige Kilometer vom Zentrum der syrischen Hauptstadt Damaskus entfernt. Und offenbar ist das bedrängte Regime nun erstmals bereits, Gespräche mit der Opposition aufzunehmen – das meldeten diplomatische Kreise aus Moskau. Allerdings schloss die syrische Opposition Verhandlungen mit der Führung in Damaskus vor einem Rücktritt von Präsident Baschar al-Assad aus.

Der Präsident des Syrischen Nationalrats, Burhan Ghaliun, erteilte damit am Montag einem Vorschlag der russischen Regierung eine Absage, informelle Gespräche in Moskau abzuhalten. Ghaliun sagte, der Rücktritt von Staatschef Assad sei die Bedingung, um Verhandlungen über einen Übergang Syriens in eine Demokratie einzuleiten. Russlands Versuche, Assad an der Macht zu halten, seien „unrealistisch“ sagte er.

Immer mehr Regimetreue aus Syrien machen sich unterdessen aus dem Staub. Auch Präsident Bashar al-Assads Ehefrau Asma soll am Sonntag zusammen mit ihren Kindern, der Mutter Assads und einem Cousin des Präsidenten versucht haben, aus dem Land zu fliehen.

Das meldete die ägyptische Zeitung „Al-Masry Al-Youm“ und berief sich dabei auf syrischen Quellen. Nach diesen Angaben sei der Konvoi auf dem Weg zum Flughafen von Damaskus gewesen, als er von Bewaffneten unter dem Kommando eines mit 300 Soldaten übergelaufenen Geheimdienstgenerals zum Anhalten gezwungen wurde. Trotz eines Feuergefechts mit den Deserteuren sei es der Leibwache der Assad-Familie gelungen, den Konvoi zu wenden und zurück in den Präsidentenpalast zu bringen.

Eine unabhängige Bestätigung für diesen spektakulären Vorgang gab es am Montag jedoch nicht. Den abtrünnigen Geheimdienstlern gelang es angeblich, die Zubringerstraße zum Flughafen noch einige Zeit zu blockieren. Loyale Einheiten hätten dann ohne Erfolg versucht, ihren übergelaufenen Anführer, Geheimdienstgeneral Mahmoud Halouf, festzunehmen. Aus Vergeltung seien später 17 Verwandte des hochrangigen Deserteurs getötet worden, hieß es.

Gleichzeitig versuchten loyale Einheiten des Regimes am Montag mit aller Gewalt, die östlichen Vorstädte von Damaskus wieder in ihre Hand zu bekommen. Die Wohnviertel wurden mit Artillerie beschossen, Panzer rollten durch die Straßen. Regimekommandos suchten bei Razzien nach Angehörigen der „Freien Syrischen Armee“. Strom und Wasser sind abgestellt, an allen Kreuzungen sind Straßensperren und Sandsackbarrieren errichtet. Verängstige Familien versuchten verzweifelt, sich mit ein paar Habseligkeiten im nahen Zentrum der Hauptstadt in Sicherheit zu bringen. „Seit Samstag gibt es hier ununterbrochen Beschuss, es ist schrecklich – ein richtiger Krieg“, berichtete ein Augenzeuge am Telefon.

Die „Syrische Liga für Menschenrechte“ erklärte, das Regime habe einen prominenten Mitbegründer der auf 40.000 Mann angewachsenen „Freien Syrischen Armee“ exekutiert. Hussein Harmusch war Anfang September aus einem türkischen Flüchtlingslager verschwunden und zwei Wochen später im syrischen Staatsfernsehen vorgeführt worden. Die Nachrichtenagentur Sana meldete am Montag die Explosion einer Gaspipeline nahe der Grenze zum Libanon und machte „Terroristen“ für das Attentat verantwortlich. Der UN-Weltsicherheitsrat will sich am Dienstag mit der Lage in Syrien befassen.

Bashar al-Assads Familie war zuletzt vor drei Wochen, am 11. Januar, öffentlich gesehen worden. Damals erschien der syrische Präsident überraschend auf dem Omayyaden-Platz im Stadtzentrum und versicherte vor tausenden jubelnder Regime-Anhänger, man werde alle Verschwörungen gegen Syrien „ohne jeden Zweifel“ niederringen. Mit in der Menge stand lächelnd mit schwarzer Wollmütze seine Frau Asma mit zwei der drei Kinder des Präsidentenpaars. Aufgewachsen ist die 36-Jährige Tochter einer Diplomatin und eines Herzchirurgen in London, studierte Informatik und Französische Literatur am „King’s College“ und arbeitete danach als Bankerin, unter anderem in Paris und New York.

Ihre syrische Verwandtschaft in der Stadt Homs kannte sie zunächst nur von gelegentlichen Ferienbesuchen. Den zehn Jahre älteren Bashar al-Assad traf sie zum ersten Mal 1999 in London. Ein Jahr später, im Dezember 2000, heiratete das Paar, kurz nach der Machtübernahme Assads in Damaskus.

(mit AFP)

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