Aufstand in Libyen : Kriegswaffe Vergewaltigung

29.03.2011 17:57 UhrVon Ralph Schulze
Siegreich nach Sirte? Anti-Gaddafi-Rebellen am Montag auf dem Weg zur Heimatstadt des Machthabers an der Mittelmeerküste. Die Aufstandsbewegung ist inzwischen wieder ins Stocken geraten. Foto: AFP
Siegreich nach Sirte? Anti-Gaddafi-Rebellen am Montag auf dem Weg zur Heimatstadt des Machthabers an der Mittelmeerküste. Die Aufstandsbewegung ist inzwischen wieder ins Stocken... - Foto: AFP

Der Rebellenvormarsch in Richtung Haupstadt scheint unaufhaltsam. Gaddafis Soldaten aber überlassen den Rebellen nicht so einfach das Feld. Die Meldungen über Gewalt gegen Frauen, Folter, Mord an Kranken und Ärzten häufen sich.

Neue Luftangriffe der internationalen Koalition und der Vormarsch der Opposition zwingen die Truppen des libyschen Diktators Muammar al Gaddafi, sich immer weiter zurückzuziehen. Gaddafis Soldaten hinterlassen aber dort, wo sie wüteten, verbrannte Erde. Berichte über Kriegsverbrechen wie Vergewaltigungen, Entführungen und Hinrichtungen von Regimegegnern mehren sich.

Am Montag rückten die Oppositionskräfte aus dem Osten kommend weiter Richtung Gaddafis Geburtsstadt Sirte vor. Rund 100 Kilometer östlich der Küstenstadt, in der Gaddafi eine große Garnison unterhält, tobten heftige Kämpfe. Meldungen, wonach Sirte bereits von der seit Tagen vordringenden Opposition eingenommen worden sein soll, bestätigten sich zunächst nicht.

Der Vormarsch sei ins Stocken geraten, hieß es am Abend aus Tripolis, die Milizen stünden noch 120 Kilometer von Sirte entfernt.

Ärzte aus der im Osten liegenden Stadt Adschdabija, die von der Opposition zurückerobert worden war, berichten unterdessen, dass Gaddafi seine Soldaten Frauen unter den Aufständischen offenbar systematisch vergewaltigen ließ. Viele Sympathisanten der Opposition seien verschleppt worden und seitdem spurlos verschwunden. In ganz Libyen seien „tausende von Zivilisten“ gekidnappt worden, beklagt auch die libysche Gegenregierung in Bengasi.

„Wir werden alle Frauen, welche auf Seiten der Opposition sind, holen und vergewaltigen“, drohten Gaddafis Militärs, die Adschdabija eine Woche lang belagert hatten. Ein Arzt berichtete nun im arabischen TV-Sender Al Dschasira, dass Gaddafis Schergen sexuellen Missbrauch als Kriegswaffe gegen die weibliche Bevölkerung einsetzten. Frauen der Stadt seien aus ihren Häusern oder von der Straße verschleppt worden. Er habe sogar Viagra-Pillen in den Jackentaschen toter Gaddafi-Soldaten gefunden.

Erst vor kurzem hatte eine Libyerin aus der Oppositionshochburg Bengasi ausländischen Journalisten in Tripolis berichtet, sie sei an einem Kontrollposten des Militärs entführt und dann von 15 Männern vergewaltigt worden. „Schaut, was sie mir angetan haben“ sagte sie und zeigte Wunden der Misshandlung im Gesicht und am Rücken, Fesselspuren an den Handgelenken. Dann war sie vor laufenden Kameras von Gaddafis Geheimpolizisten erneut weggeschleppt worden.

Der Chirurg Suleiman Refadi aus dem El-Mgareaf-Hospital in Adschdabija beklagte in Al-Dschasira außerdem, dass Gaddafis Einheiten Ärzte beschössen und kidnappten. Drei Kollegen seien verschleppt worden, als sie mit einem Krankenwagen Verletzte auf der Straße bergen wollten. Nur das zerschossene Ambulanzfahrzeug blieb zurück. Mediziner aus anderen Orten berichteten, dass Verletzte gleich auf der Straße oder in Krankenhäusern erschossen wurden.

Diese Horrorberichte decken sich mit Zeugenangaben aus praktisch all jenen Städten, in denen Gaddafis Truppen noch die Kontrolle haben: Häuser werden durchsucht, Oppositionelle verschleppt. Einige Gefangene kommen nach Folter wieder nach Hause, andere werden getötet. Leichen werden zur Abschreckung auf die Straßen geworfen. Viele verschwinden jedoch für immer und werden irgendwo in Massengräbern verscharrt. Gaddafi hatte gedroht, dass er das Land von „Ratten säubern“ werde.

Eine Arbeitsgruppe der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, befürchtet, dass „hunderte von Menschen zu geheimen Orten verschleppt wurden, wo sie Folter oder unmenschlichen, erniedrigenden Behandlungen ausgesetzt sein könnten“. In den meisten der bekannten Fälle „ist das Schicksal dieser Menschen immer noch unbekannt“.

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