Auftritt in Braunschweig : Heimspiel für Sigmar Gabriel

In seiner Heimat sah man eine Kanzlerkandidatur Gabriels zuletzt skeptisch. Eine Rede an der Braunschweiger Basis wird nun zum Stimmungstest für den SPD-Chef: Unterstützen ihn die Genossen?

Sigmar Gabriel beim Neujahrsempfang der SPD in der Stadthalle in Braunschweig.
Sigmar Gabriel beim Neujahrsempfang der SPD in der Stadthalle in Braunschweig.Foto: dpa

Sigmar Gabriel ist in Form. Im schwarzen Anzug steht der SPD-Vorsitzende am Samstagmittag in der Braunschweiger Stadthalle, vor ihm etwa 300 Genossen. Er wirkt selbstbewusst, ruft: „Recht und Ordnung nicht nur im Straßenverkehr, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt!“ Und: „Die Abschaffung von Kita-Gebühren hilft Familien mehr als jede Steuersenkung!“ Zum Neujahrsempfang der Braunschweiger SPD will Gabriel zeigen, mit welchen Themen seine Partei in den Bundestagswahlkampf gehen wird. Und noch wichtiger: Er will die Genossen von sich überzeugen.

Gabriel stammt aus Goslar, nur gut 40 Kilometer von Braunschweig entfernt. Er war Ministerpräsident in Niedersachsen. Das hier ist seine ureigenste Basis. Es sollte ein Heimspiel sein. Eigentlich. Denn die Genossen in Niedersachsen sind ihm gegenüber skeptischer als anderswo. Skeptischer als in NRW beispielsweise, wo sich Ministerpräsidentin Hannelore Kraft schon früh für Sigmar Gabriel als Kanzlerkandidaten ausgesprochen hatte.

Noch im vergangenen November hieß es, in der niedersächsischen Landesgruppe der SPD im Bundestag bestünden massive Zweifel daran, dass Gabriel der richtige Kanzlerkandidat ist. Der Grund: das mangelnde Vertrauen in Gabriel in der Bevölkerung und die schlechten Umfragewerte. Auch an der Basis glaubten offenbar viele, dass man mit Gabriel die Wahl nicht gewinnen kann.

Einzelne Klatscher, spärlicher Applaus

Besonders einschneidend war der Landesparteitag in Braunschweig vergangenes Jahr. Auch das hätte ein Heimspiel für Gabriel sein können. Doch die Stimmung war gegen ihn, für die schlechten Umfragewerte der Partei machte man den Vorsitzenden verantwortlich. Egal, wie sehr Gabriel sich bemühte, sein Publikum mitzureißen, mehr als spärlichen Applaus und einzelne Klatscher konnte er den Zuhörern nicht abringen. Nachdem ihn dann auch noch ein Juso in der Aussprache kritisierte, ging Gabriel erneut ans Rednerpult und knöpfte ihn sich vor. Das kam schlecht an.

Nun also wieder Braunschweig. Für Gabriel kann das ein Stimmungstest werden: Trägt man ihn hier, zwei Wochen bevor der Kanzlerkandidat der SPD offiziell bekannt gegeben wird? Erhält er diesmal die Unterstützung der Genossen in seiner Heimat oder verwehrt man sie ihm erneut?

"Du hast deine Heimatregion an deiner Seite"

„Wir stehen geschlossen hinter Sigmar Gabriel“, sagt Braunschweigs SPD-Chef Christos Pantazis in seiner Ansprache. Auch der niedersächsische Bundestagsabgeordnete Hubertus Heil beteuert: „Egal, was du Ende Januar entscheidest, du hast deine Heimatregion an deiner Seite.“ Doch der Applaus der Genossen im Publikum ist anfangs noch verhalten.

Vielleicht kann man gerade in Braunschweig die Umfragewerte der SPD von aktuell 21 Prozent nicht nachvollziehen. Hier im östlichen Niedersachsen gewinnen SPD-Abgeordnete in der Regel ihren Wahlkreis. „Bei Ergebnissen unter 40 Prozent schämen wir uns“, sagt Gabriel über die Genossen seiner Heimatregion.

Um sie jetzt für sich einzunehmen, muss Gabriel den richtigen Ton treffen. Zeigen, dass er weiß, was die Sorgen der Menschen sind. Und so spricht Gabriel über innere Sicherheit und soziale Gerechtigkeit. Mit dem Kampf gegen rechts sollen das die inhaltlichen Schwerpunkte 2017 werden.

Wenige Versprechen, diese aber halten

„Die Menschen haben das Gefühl, dass sie die Kontrolle über ihr Leben verlieren. Dass sie nicht mehr wissen, ob sich Anstrengung eigentlich lohnt“, sagt er zu Anfang seiner Rede. Wie man die Gerechtigkeitslücke im Land schließe, sei eine der zentralen Herausforderungen des neuen Jahres. Gabriel warnt aber gleichzeitig davor, bei den Sozialleistungen zu viele Versprechungen zu machen. „Die Leute mögen es nicht, wenn du dicke Backen machst und hinterher nicht pusten kannst.“ Wenig versprechen, dies aber halten – so soll die Maxime der SPD für den Wahlkampf sein.

Sicherheit bezeichnet Gabriel als ein „soziales Bürgerrecht“. Nur die Reichen könnten sich einen schwachen Staat leisten. Er plädiert für Videoüberwachung an Kriminalitätsschwerpunkten und sagt: „Wenn auf Plätzen jeden Tag Messerstechereien stattfinden und die Oma sich nicht mehr in die U-Bahn traut, da werden wir ja wohl was machen müssen!“

Ruhig und ausgeglichen

Immer öfter brandet nun für Gabriels Aussagen Applaus auf. „Wir haben die Studiengebühren abgeschafft. Lasst uns mal dafür kämpfen, dass die Gebühren für Meister und Techniker ebenfalls abgeschafft werden!“ Die Leute klatschen. Er ruft: „Deutschland sollte sagen: Wir sind bereit, mehr in Europa zu investieren, aber nur wenn dieser Wahnsinn mit dem Steuersenkungswettbewerb endlich aufhört.“ Es gibt wieder Applaus. Für seine Forderung „salafistische Moscheen dichtmachen“ bekommt er ebenfalls Zustimmung.

Auch mit Humor versucht es Sigmar Gabriel an diesem Samstagmittag. Als es um Gewerkschaften geht, witzelt er: „Wir sind das streikärmste Land Europas. Bei uns wird mehr Zeit vergeudet durch überflüssige Grußworte von Politikern als durch Streiks.“ Gelächter. Am Ende der Rede dann rhythmisches Klatschen.

Der Stimmungstest so scheint es, er ist gelungen. War in den vergangenen Wochen vom Zauderer Gabriel die Rede, so wirkt er nun ruhig und ausgeglichen. Über die Kanzlerkandidatur kommt ihm zwar auch bei dieser Rede kein Wort über die Lippen. Aber vielleicht ist sein Auftritt auch Antwort genug, wenn es um die K-Frage geht.

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