Politik : Auge in Auge

Spannender Schlagabtausch zwischen Vize-Präsident Biden und dem republikanischen Rivalen Ryan. Ergebnis: unentschieden.

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Duell der Gegensätze: Größer konnte der Kontrast zwischen Ryan (links) und Biden nicht sein. Der eine legte dar, der andere biss zu. Doch genau das war ihre Aufgabe. Der Republikaner sollte unentschlossene Wähler gewinnen, der Demokrat die Leidenschaft bei der eigenen Klientel wieder entfachen. Foto: Michael Reynolds/AFP
Duell der Gegensätze: Größer konnte der Kontrast zwischen Ryan (links) und Biden nicht sein. Der eine legte dar, der andere biss...Foto: AFP

Der Mann links im Bild schlägt Alarm: mehr als 16 Billionen Dollar Schulden, ein zu geringes Wirtschaftswachstum, zu hohe Arbeitslosigkeit, vor dem Bankrott stehende staatlich finanzierte Sozial- und Gesundheitsprogramme. Und in der Außenpolitik? Amerika wird nicht mehr respektiert, hat seine Werte an die UN verraten, Russland und China zu viel Vetomacht eingeräumt, hat weder in Libyen noch in Syrien oder Ägypten eine Strategie, ermuntert durch seine Passivität die iranischen Ajatollahs, weiter an der Bombe zu basteln.

Auch der Mann rechts im Bild schlägt Alarm: Wenn der Mann links im Bild an die Macht kommt, werden die Reichen noch reicher, die Armen noch ärmer, um die Alten und Bedürftigen kümmert sich niemand mehr, die Mittelklasse wird geschröpft. Und in der Außenpolitik? Da könnte es neue Kriege im Nahen Osten geben, zunehmende globale Spannungen, eine Verlängerung des amerikanischen Militärengagements in Afghanistan, es droht ein Rückfall in alte Dominanz- und Arroganzzeiten.

Schärfer könnte der Kontrast kaum sein, den US-Vizepräsident Joe Biden (rechts im Bild) und sein republikanischer Rivale Paul Ryan (links im Bild) am Donnerstagabend (Ortszeit) in Danville im Bundesstaat Kentucky für das Publikum skizzieren. Es ist das erste und einzige TV-Duell der Vizes, und für die klare Präsentation ihrer konträren Positionen muss man den Kontrahenten dankbar sein. Biden und Ryan lieferten in Stil und Substanz jene Konfrontation, die viele Zuschauer in der ersten Fernsehdebatte zwischen Barack Obama und Mitt Romney vermisst hatten.

Einen klaren Sieger indes gab es diesmal nicht. Biden war angriffslustig und versiert, doch seine übertrieben herablassende Gestik schadete ihm. Wenn er Ryan mal nicht unterbrach, verzog er bei dessen Ausführungen das Gesicht zu einem höhnischen Dauergrinsen. Ryan blieb überwiegend sachlich, machte keinen Fehler, befand sich aber die meiste Zeit in der Defensive. Der eine biss zu, der andere legte dar.

Genau dadurch freilich spielten sie ihre Rollen perfekt. An Biden war es, wieder die Leidenschaften der eigenen Klientel zu entfachen. Vielen Demokraten fehlt der Obama-Enthusiasmus von vor vier Jahren. Einen zusätzlichen Dämpfer erhielten sie durch das lustlose Auftreten des Präsidenten in der ersten TV-Debatte. Plötzlich schien die Gegenseite in den Yes-we-can-Modus zu wechseln. Gut möglich, dass Biden durch seine Aggressivität die Herzen einiger Anhänger erwärmte.

Ryan wiederum durfte sich vor allem keine Blöße geben. Er musste unentschiedene Wähler davon überzeugen, dass mit Romney und ihm die Welt nicht unterginge. Er musste Ängste vor zu großer Radikalität zerstreuen. Außerdem musste der 42-jährige Kongressabgeordnete inhaltlich mit dem 69-jährigen Biden mithalten. All das gelang ihm recht passabel.

Die Dynamik des Wahlkampfes wird das Vize-TV-Duell folglich nicht wesentlich verändern. Obama und Romney liefern sich weiter ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Für Obama spricht, dass Amerikaner grundsätzlich jedem eine zweite Chance geben. Nur dreimal in den vergangenen 70 Jahren haben sie einen amtierenden Präsidenten abgewählt – Gerald Ford, Jimmy Carter, George Bush senior. Außerdem profitiert Obama von der Angst vieler Amerikaner vor einem Rückfall ihres Landes in die Bush-Ära.

Für Romney spricht, dass die Wirtschaftslage und Schuldensituation, trotz leichter Erholungstendenzen auf dem Arbeitsmarkt, immer noch bedrückend ist. Außerdem profitiert der Republikaner davon, das satanische Zerrbild demontieren zu können, das in einigen demokratischen Kreisen von ihm aufgebaut worden war. Viele Amerikaner wollen sich ein eigenes Bild machen. Sie sind ziemlich vorurteilsresistent. Auch wissen sie, dass sich Herausforderer in den innerparteilichen Vorwahlen ideologisch unnachgiebiger präsentieren müssen als im eigentlichen Wahlkampf. Deshalb kommt es zwischen Januar und November regelmäßig zu programmatischen Änderungen. Das wiederum liefert der Gegenseite Stoff für Wendehals-Vorwürfe. Doch allein mit Variationen des gegen die Republikaner gerichteten Inkonsistenzarguments werden die Demokraten wohl nicht weiter punkten können.

Zunehmend riskant für sie ist auch der Lügen-Vorwurf. Das Magazin „Time“ bringt in seiner aktuellen Ausgabe eine faszinierende Titelgeschichte unter der Überschrift „The Fact Wars – Who is Telling the Truth?“. Bestürzend ist die Erkenntnis, wie sehr sich beide Seiten in ihrer eigenen Realitätswelt einigeln und davon überzeugt sind, die jeweils andere Seite läge falsch. 76 Prozent der Romney-Anhänger meinen, Obama führe die Wähler absichtlich in die Irre. Exakt genauso viele Obama-Anhänger denken dasselbe von Romney. Und das Deprimierendste: Studien zeigen, dass die Wahrheit in ideologisch erhitzten Momenten gar nichts nützt. Je bedrohlicher Fakten für die eigene Weltanschauung sind, desto leichter werden sie verdrängt.

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