Politik : Augenzeugenberichte: Notrufe

Albert Funk

Was sich in den vier entführten Flugzeugen in der Zeit zwischen Start und Crash abgespielt hat, wird vielleicht erst in Wochen oder Monaten bekannt werden - wenn überhaupt. Doch deuten eine ganze Reihe von Telefongesprächen von Passagieren darauf hin, was an diesem Morgen des 11. September an Bord geschah. Als sicher gilt dank dieser Anrufe, dass es sich jeweils um mehrere Entführer handelte. So sprach die Frau des Solicitor General Theodore Olson, eines der höchsten US-Justizbeamten, in zwei Gesprächen von "hijackers", also mehreren Entführern. Ein anderer Passagier sprach von drei Männern.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Offenbar hatten die Entführer Passagiere und Crews in den hinteren Teil der Maschinen getrieben. Darunter war - zumindest im Fall der Maschine, die auf das Pentagon krachte - auch die Cockpit-Crew. Barbara Olson fragte ihren Mann nach einem Rat für den Piloten, der offenbar in der Nähe war. Möglicherweise wurden Crew und Passagiere dort von einem der Männer in Schach gehalten. Der Student Mark Bingham, der in einem der United-Airlines-Jets saß, rief seine Mutter in San Francisco an mit den Worten: "Ich rufe dich vom Flugzeug an. Wir sind entführt worden. Da sind drei Männer, die sagen, dass sie eine Bombe hätten." Allein diese Ankündigung mag genügt haben, die verängstigten Menschen auch ohne Schusswaffen unter Kontrolle zu halten.

Denn offenbar waren die Entführer nur mit Messern oder messerähnlichen Instrumenten wie Teppichschneidern oder aus Plastikgriffen und Rasierklingen gebastelten Waffen ausgestattet. Das könnte erklären, dass die nicht geringe Zahl von insgesamt zehn bis zwanzig Entführern ohne Probleme durch die Kontrollen gelangte. Allerdings gelten die Sicherheitschecks an inneramerikanischen Flughäfen als laxer verglichen mit Airports, über die Auslandsflüge abgewickelt werden.

Die Waffen wurden auch eingesetzt. Eine ungenannte Quelle sagte der Zeitung "Boston Herald": "Sie begannen, Stewardessen im rückwärtigen Teil der Maschinen zu ermorden, zur Ablenkung. Der Pilot kam zu Hilfe, und so gelangten sie in das Cockpit." Eine Stewardess des American-Airlines-Flugs Nummer 11 von Boston, jener Maschine, die als erste in das World Trade Center geflogen wurde, berichtete in einem Notruf, zwei ihrer Kolleginnen seien ermordet worden. Sie nannte auch noch die Sitznummer eines Entführers.

Experten sind sicher, dass die Entführer gute Kenntnisse über das Fliegen größerer Passagierflugzeuge hatten. Die Cockpits der Boeing-Typen 757 und 767 sind fast identisch und auch aus Computerspielen bekannt. Erste Erfahrungen damit lassen sich zu Hause am PC bei Flugsimulationen machen. Doch deuten Ermittlungen und auch die Art, wie bestimmte Flugmanöver ausgeführt wurden, darauf hin, dass ausgebildete Piloten am Werk waren. Zudem wurde zumindest in zwei Maschinen der Transponder gezielt ausgeschaltet, jenes Instrument also, das es der Bodenkontrolle ermöglicht, den Weg der Maschine zu verfolgen.

Zumindest in einem Fall gibt es auch Stimmaufzeichnungen eines Entführers. Die Piloten einer American-Airlines-Maschine hatten die Mikrofone angestellt, eine Stimme sagte vernehmbar: "Wir haben mehr Flugzeuge, wir haben weitere Flugzeuge." Der Mann sprach Englisch und sagte weiter: "Tun sie nichts Unsinniges. Es wird Ihnen nichts passieren."

Unklar ist, ob die Entführer das Steuer der Maschinen sofort übernahmen oder erst kurz vor den Crashs. Die Crew einer der beiden Maschinen, die das World Trade Center rammten, hatte offenbar zunächst einen Flugpfad zum John-F.-Kennedy-Airport in New York angefordert, bevor die Maschine dann später nach Manhattan abdrehte. Und ein Anrufer aus der Maschine, die als letzte südlich von Pittsburgh nach 10 Uhr Ortszeit aufschlug, meldete sich über die Notrufnummer 911 erst exakt um 9 Uhr 58 mit den Worten: "Wir sind entführt! Wir werden entführt."

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